14. Januar 2012 – München – Hansa 39

Er braucht einen Schlag, dann liegt der andere blutend auf dem Boden. Mitten im dreckigen, vollgeklebten und vollgemalten Klo, hier im Münchner Kellerklub. Draußen pumpt der Bass, hier drinnen liegt er und bedankt sich bei einem, der ihm helfen will, mit Blut und Beleidigungen. Der Gewinner drückt seinen Rücken durch und verschwindet, aufgebaut durch Mackerpose, zu viele Stunden im Fitnessstudio und sicherlich auch Chemie. Ein Werbemann erklärt mir seine Idee, einen Blog zu machen, auf dem er nur Fotos von Urinflecken auf Straße und Bürgersteig bringt. Die würden so schön unvorhergesehene Wege fließen. „Wie ein neuer Fluss in einer neuen Welt.“

Er trägt mindestens zehn Piercings, hat die Haare stachelig aufgerichtet, und seine Kleidung ist komplett schwarz. Für die CSU ist er sicherlich das perfekte Bild eines Punks. Jemand, der alte Omas schubst und Kindern die Zigaretten klaut. Er erklärt, welche Haarsprays vegan sind, wo es sich in München günstig wohnen lässt und warum er unbedingt nach Berlin ziehen will.

Seine Haut ist orange. Ein tiefes Orange, das man sonst eher von italienischen Sportwagen kennt. Dazu sein makelloses Haar, mittelscheitelig aus dem Gesicht betoniert. Lässig trägt er eine Weste über dem Corporate-Identity-Look der Deutschen Bahn. Hier in der DB-Lounge am Münchner Hauptbahnhof ist er mit seinen geschätzten 21 Jahren der König. Super höflich, absolut professionell unterhält er sich flüssig über Sport, das Wetter und irgendwas im Fernsehen. Er begrüßt Stammgäste mit Namen und Handschlag und weiß, wo es im Hauptbahnhof die besten Butterbrezn gibt. So einen wünscht man sich als Tourmanager.

„Hoffentlich gibt’s nicht schon wieder Nudeln mit Pampe.“ Ja, das Leben als Postrockstar ist hart. (Carlos Lieblingswort des Wochenendes ist übrigens Postakademiker). Und als Band, die für alternative Lebensweise, Toleranz und Do-it-yourself steht, darf man doch erwarten, dass Menschen, die ein riesiges Festival mit vielen Bands, günstigem Preis und guten Infoständen organisieren, auch Luxusessen liefern. Er hat sich schon in Rage geredet, als das Essen kommt. Eingelegtes Gemüse, Mercimek-Bällchen, Salat, Suppe, Antipasti, Fladenbrot. „Hier ihr Norddeutschen, etwas gegen euren Kulturprotestantismus“, grinst der Überkoch uns an. Wir schwelgen im Gastrohimmel. Der mäklige Indiependent-Kollege ist jedoch nicht zufrieden. „Warum ist das Tsatsiki nicht vegan?“

Vor dem Klub in einem ehemaligen Industriegebiet steht ein Einsatzfahrzeug der bayrischen Polizei. Nein, es habe keine Beschwerden oder Übergriffe gegeben. Aber bei so „Alternative Konzert“ wisse man ja nicht, ob nicht doch jemand nur zum Steineschmeißen, Graffitisprühen oder Bürgererschrecken gekommen sei. Vielleicht schubsen sich die Besucher ja auch vor der Bühne und verletzten sich dabei. Die Zuschauer des Indiekonzerts nebenan fühlen sich aber schon ein Stück sicherer. Der eine große Punk ext ja gerade schon sein zweites Bier. Nicht vorzustellen, wenn er wirklich Rock’n’Roll leben könnte. Da ist es schon besser, wenn die Einsatzkräfte bereits an der U-Bahnstation Menschen aussortieren und wegen ihrer bunten Haare, Piercings und Tattoos kontrollieren.

Auf der Bühne, den Menschen stecken schon diverse geile Punkbands in den Knochen. Carlos schließt seinen Synthie an, Egge richtet sein Crashbecken. Kurzer Soundcheck, alle gucken. Spätestens bei „Hipster bedrohen unser Leben“ oder „Reihenhäuser bauen und das Carport dekorieren“ stürzt der erste bayuwarische Nietenträger auf die Bühne, ruft sein Lieblingslied ins Mikro und versucht ein Stagediven. Es ist Samstagabend in München, im Fernsehen streiten sich gerade Daniel und Rocco um Bohnen und Reis und wir dürfen Musik machen. Bei tollen Menschen, in einer verrückten Stadt. Danke!

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One thought on “14. Januar 2012 – München – Hansa 39

  1. Kleine Ergänzung von Egge zum schön geschriebenen Text vom Carlos – schön in Häppchen verpackt, damit die Internetgemeinde nicht am Zeilenumbruch scheitert.

    – danke an GrGr, Rejected Youth, Respect My Fist, Red Tape Parade, Obtrusive für den Soundtrack
    – danke an den weltbesten Sicherheitsbeauftragten, den ich im Suff viel zu voll gequatscht habe
    – das gilt auch für die schöne Frau, der ich das tief in der Nacht & geistiger Umnachtung auch noch gestanden habe (nicht das mit dem Sicherheitsbeauftragten)
    – wir haben Äpfel geklaut und schämen uns
    – liebe Chefthekenfrau aus dem kleinen Kellerklub: es tut uns leid, dass uns der Wodka beim Trinken runtergefallen ist, obwohl wir doch versprochen hatten, die Flasche in der Tasche zu lassen
    – liebe Moni, ich hoffe, du hast nach Hause gefunden
    – liebe DJs aus dem Kellerklub: das war großartig. Ich habe nur Eure Namen vergessen
    – lieber hannoverscher Exilant: danke für die DA. Jetzt kommen wir noch viel lieber nach München – und bringen dir ein Herri mit
    – liebe Kappenträgerin: das nächste mal fahren wir hoffentlich Auto
    – danke ans Feenstaubinferno: ich hoffe, du hast meine geile Monitorboxeinlagen bemerkt (& das nächste Mal gibts mehr Schampus!)
    – lieber Benny, ich hab die Band vergessen, die du vor GrGr laufen lassen hast
    – liebe Gemeinde, ich habe einiges vergessen
    – nochmal liebe Chefthekenfrau, danke fürs Aufschließen
    – lieber Costa, sorry fürs Einschlafen

    Was für eine Nacht?! Hipster bedrohen unser Leben. Danke Schleimkeim.

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