Beatpoeten treffen: Rammstein

Jaja, es ist zwei Jahre her, als Rammstein ihr Album „Liebe ist für alle da“ im Berliner Universal-Hauptquartier Journalisten zur Hörprobe anboten. Aber weil das Album nun freigegeben wurde, das neue Video zu „Mein Land“ einfach mal krass ist, & das Gespräch mit Schlagzeuger Christoph Schneider lange nachgewirkt hat: das Interview. Ein Gespräch über Liebe, Pornos und den Kannibalen von Rotenburg.

„Privat sind wir anders“

Herr Schneider, vier Jahre ist das letzte Rammstein-Album her. Da überlegt man sich als Band sicher, wie man sich eindrucksvoll zurückmeldet. Musste es zur Single „Pussy“ unbedingt ein Porno als Videoclip sein?
So etwas kann man nicht planen. Einige Bandmitglieder wollten „Pussy“ nicht mal auf dem Album haben. Aber es wurden Stimmen laut, unter anderem die Plattenfirma, die einen Hit vermuteten, ein renommierter Regisseur wollte einen Porno dazu drehen, und wir haben als Band dann gesagt: Jawoll, wir machen das.

Eine Band, die gern provoziert …
Eine Band, die auch provoziert. Das gehört bei Rammstein dazu.

Es funktioniert ja auch. Zudem ist es auch eine gelungene PR-Aktion.
Es gibt die Welt der Pornografie. Bisher hatte nur noch keine Band Pornos in Zusammenhang mit Videoclips gebracht. Dabei haben die meisten Clips längst softpornografischen Charakter. Wir sind nur noch einen Schritt weitergegangen, und die Single landete auf Platz eins der Charts – auch wenn es musikalisch aus meiner Sicht nicht unser bester Song ist. Aber er kommt gut an.

Wäre es für Rammstein nicht eine besondere Provokation, einmal auf Provokationen zu verzichten?
Möglicherweise. Vielleicht kommen wir irgendwann mal in das Alter, in dem wir uns nur noch auf unsere musikalischen Stärken verlassen. Aber bis dahin wollen wir unseren Fans etwas Besonderes bieten.

Ihr Album trägt den Titel „Liebe ist für alle da“. Was nach versöhnlichem Aufruf für kollektive Herzwärme klingt, wird auf der Platte zur harten Extremistenschau. Es geht um den Kannibalen von Rotenburg und abseitige Sexvorlieben. Keine Lust auf richtige Liebeslieder?
Wir erzählen Geschichten extremer Form von Liebe. Es geht um die Gefühle von Menschen wie Josef Fritzl, wenn er in seinen Keller hinabsteigt. Er empfand ja auch etwas dabei. Genau wie der Menschenfresser, der durch sein Tun ja auf seine Weise erregt wurde.

Was fasziniert Sie so an den düsteren Leidenschaften?
Manchmal die Komik, die die Extreme offenbaren.

Bitte? Komik?
Na ja, es ist doch schon sehr komisch, wenn sich Menschen dazu verabreden, einander zu fressen. Das ist grotesk, auch wenn es im Kern eine sehr ernste Sache ist. Wir erzählen davon, weil es Spaß macht. Es ist ein märchenhaftes Gruseln.

Sie sind Märchenerzähler?
Ja, moderne Brüder Grimm. Früher haben Märchen ja auch eine schaurige Stimmung erzeugt, wenn man mit der richtigen Stimme im Kerzenlicht erzählt hat.

Das klingt harmlos. Aber Till Lindemann besingt Stacheldraht in Harnleitern?
Als ich das zum ersten Mal gehört habe, bin ich auch ziemlich zusammengezuckt. Aber die Band wurde nicht gegründet, um Heimatlieder zu singen. Wir sind Rammstein. Till schreibt und singt auf seine Weise. Er ist wie ein alter Marshall-Verstärker, der nur laut gut klingt.

Ausschnitt aus „Ich tu dir weh“:
„Bei dir hab ich die Wahl der Qual,
Stacheldraht im Harnkanal,
Leg’ dein Fleisch in Salz und Eiter,
Erst stirbst du doch, dann lebst du weiter,
Bisse, Tritte, harte Schläge,
Nagelzangen, stumpfe Säge,
Wünsch’ dir was ich sag’ nicht nein,
Und führ’ dir Nagetiere ein.“

Bleiben wir im Märchenbild. In „Mehr“ geht es um Gier und das Gefühl, nie satt zu werden. Moralische Prosa zur Wirtschaftskrise?
Nein. Wir äußern uns nicht zu aktuellen Themen. Aber die Metapher passt natürlich.

Sie bleiben fast immer eindeutig mehrdeutig in ihren künstlerischen Aussagen.
Ja. Vielleicht liegt das an unserer Ostvergangenheit. Wir konnten die Dinge früher nie konkret ansprechen und blieben textlich daher immer im Unbestimmten.

Aber selbst wenn es verklausuliert um die Krise, Missstände oder das Böse geht, warum zeigen Sie nie Alternativen auf?
Wir sind eben Rammstein.

Was bedeutet denn für Sie selbst
Liebe?
Für mich persönlich ist Liebe die helle Kraft im Leben. Liebe lässt uns hoffen. Sie ist die Macht, die uns anführt.

Aber warum spürt man davon so wenig bei Rammstein?
Man muss das einfach unterscheiden. Viele glauben, die Bandmitglieder sind in jedem Moment ihres Lebens Teil der Band. Aber Rammstein ist für uns nur ein Teil der Persönlichkeit. Niemand würde auf die Idee kommen, einen Schauspieler mit seiner Rolle zu verwechseln. Rammstein macht uns Spaß. Privat sind wir anders.

Weil die Links in Deutschland dank Urheberrechtsverwirrungen lustig wechseln, folgt an dieser Stelle ein ambitionierter Versuch. Das neue Video:

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