Beatpoeten sagen Danke: Mediengruppe Telekommander

Es war Herbst 2009. Und mein Gott, waren wir stolz. Wir spielten gerade das erste Mal im Uebel & Gefährlich und machten Fotos von uns im Backstage. Anschließend fuhren wir zum Dockville-Festival und schauten uns nach der Fusion wieder die Mediengruppe Telekommander an – zwei Monate später durften wir als Vorband dabei sein. Ja, wir waren durchaus begeistert.

In der hannoverschen Faust gaben wir uns Mühe als freundliche Gastgeber. Wir schenkten immer wieder nach, vielleicht sogar etwas zu viel. Es wurde ein grandioser Abend, Kevin hat noch immer tolle Fotos im Archiv, und wir fühlten uns angekommen. Für uns als Band war es einer dieser Momente in denen man merkt, warum man das eigentlich alles so macht, die Stunden im Zug, die man doch viel besser mit Leuten verbringt, die man mag. Alles egal, nach so einem Abend voller Energie und Schnaps. Ein besonderer Kurabend.

Nun verabschiedet sich die Mediengruppe und hinterlässt uns, die Endlosrillensurfer, ratlos zurück. Zeit ein wenig Bilanz zu ziehen. Wir drucken an dieser Stelle Egges Text für die HAZ über Pionierrollen und Parolenposen, Zukunftsangst und Zukunftsmusik, und die Frage, ob Audioakt nicht doch die Keimzelle für eine musikalische Revolte werden kann? Dann mal los.

PS: Danke für zehn wunderbare Jahre.

Schade, ein Trend ging um

Die Elektropunks der Mediengruppe Telekommander verabschieden sich mit einem Akt der Nächstenliebe.

Vor zehn Jahren waren sie Pioniere: Unter dem schönen Namen Mediengruppe Telekommander bastelten Florian Zwietnig und Gerald Mandl aus Österreich und Bayern aus technoider Klubmusik mittels Megafon und Gitarrenverzerrer den Soundtrack für kluge, rausgebrüllte Konsumkritik und riefen dazu ironiegetränkt und selbstbewusst: „Vorsicht, ein Trend geht um!“ Das passte. Die Mediengruppe lieferte Lied gewordene Mittelfinger für unreflektierte Kaufkultur, öden Massengeschmack und Irgendwas-mit-Medien-Zukunfts-Plattitüden.

Für Hip-Hop-Hörer waren sie die deutschen Beasty Boys mit Synthesizer, für szenebewusste Raver die Rocknerds, die Instrumente abseits der Hörgewohnheiten bedienen, für Demoveranstalter die Alternative zu Ton Steine Scherben und Hannes Wader. Die Elektropunks boten die tanzbare Umsetzung von Gil Scott-Herons „The Revolution will not be televised“ – als Mediengruppe kannten sie sich schließlich aus.

Doch nach zehn Jahren Kellerklubtouren und drei Alben mutet das Vermächtnis des Duos irgendwie zweischneidig an. Ganze Labels wie Audiolith und Cobretti entwickelten den Ansatz erfolgreich fort, stampfenden Elektro mit der Attitüde von kritischen Jugendkulturen zu verbinden – bis selbst Emos (Captain Capa), Politpunks (Egotronic) und Hipster (Frittenbude) zum tumben Beat die Arme auf großen Festivals wie dem Hurricane schwenkten. Die Kritik ging beim Transfer aber mitunter verloren. Vielen Folgeprojekten ist heute nur noch der hohle Klang der Parole geblieben, purer Tanzflächenhedonismus ist die Pose. Der Wochenendrave schafft keine Revolte, sondern nur Stressabbau. Die Kinder verfeiern die Revolution. Man könnte es also konsequent nennen, wenn die Mediengruppe Telekommander nun verkündet, den Betrieb einzustellen.

Doch leise Abgänge passen nicht zu Menschen, die mit Sirenenklängen Tanzflächen beschallen. Das Duo hinterlässt mit „Die Elite der Nächstenliebe“ ein halbstündiges Album, das trotz versöhnenden Lächelns des Dalai-Lama auf dem Cover vor Kritik und Kommentar zum Zeitgeist nur so strotzt. In den neun Liedern wie „Billig“ und „Draufhalten“ wird der musikalische Rundumschlag auch auf dem vierten Album konsequent fortgesetzt. „Ich will mehr, ich nehm’ dir alles, so hast du mich erzogen“, brüllen die ­Akteure im Doppelsprechgesangston zu knarzigen Bässen und Synthesizerfetzen. Vertrakte Rhythmen treffen auf Dub-Einlagen, die achtziger Jahre echoen munter zur Musikattacke. „Attention, Attention, wir sind gut zu Menschen“, brüllen sie dem Chor der verlogenen Cha-Cha-Charity-Community im Song „Die Elite der Nächstenliebe“ entgegen. „Wir wollen alles kaputt kaufen“, heißt der Slogan in „Billig“. Dem trendbewussten Upper-Class-Klüngel wird „Bedingungslos abraven auf die Casual-light-Kultur“ versprochen. So bitter und tanzbar kann Kritik ausfallen.

Zuhörer, die nach zehn Jahren ein wenig Selbstkritik erhoffen, bleiben aber unbefriedigt. Keine Silbe zur eigenen Szenekultur, die den Basseinsatz mehr abfeiert als den Kritikansatz. Man gibt sich zumindest auf dieser Ebene versöhnlich – und doch lässt ein Detail hoffen. Das Album erscheint als erstes Werkstück des neuen Labels namens ­Audioakt, ein Hybrid aus den Plattenfirmen Audiolith und Staatsakt. Staatsakt ist bisher vor allem für innovative Produktionen bekannt (Andreas Dorau, Ja, Panik und Christiane Rösinger), die den Kopf nicht nur beim Mitnicken fordern. Audiolith ist Spezialist für die Verbreitung von Elektrodampframmen (Super­shirt, Tante Renate, Frittenbude). Wenn dieses Konzept aufgeht und weitere Produktionen folgen, könnte Audioakt vielleicht mal das werden was Trikont für Weltmusik und Buback für Rock und ­Indieproduktionen ist: eine musikalische Denkfabrik. Das wäre ein Vermächtnis, das zur Band noch besser passt als das gelungene, aber leider auch letzte Album.

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