#occupywallstreet

Sie schreiben, die Demonstranten hätten gar keine richtigen Forderungen. Sie würden den Protest nicht ernst nehmen und suchten nur nach Spaß. Ihre Empörung sei nur ein weiteres Zeichen von verdorbenem Hedonismus. Die Menschen, die in New York, Boston, Los Angeles und anderen US-amerikanischen Großstädten auf die Straße gehen und sich friedlich empören wurden wochenlang von ihrer Gesellschaft und den amerikanischen Medien ignoriert. Nicht aber von der Welt. Al-Jazeera, Russia Today, taz und einige andere Medien in Europa, Arabien, Asien und Südamerika haben vom ersten Moment genau hingeschaut, was da passiert bei #occupywallstreet. Jetzt ist der Protest soweit, dass er auch Menschen anzieht, die sich und ihm am Anfang nicht getraut haben. Das so etwas noch in den USA passieren kann, ist ein kleines Wunder.

Als ich 1999 in New York State auf die Highschool ging, standen die USA weit weg von den zwei Kriegen, die sie in den vergangenen zehn Jahren gestartet haben. Bush war noch nicht Präsident, und die Kultur und das Leben rund um Punkrock, Skateboarding, Hip-Hop und diesem neuen Ding Internet war lebendig und offen. Aber es gab schon diese Momente, in denen ich mir zum ersten Mal bewusst wurde, dass ich aus einem anderen Teil der Erde komme. Mein Skateboard wurde mir von Polizisten einfach weggenommen, nachdem ich auf der Straße gefahren war. Meine Freunde sagten nur, ich solle bloß nicht mit dem Officer diskutieren. Er selbst drohte mir mit einem Entzug meines Schülervisums. Noch nie hatte ich erlebt, dass man mit Polizisten nicht wenigstens diskutieren durfte.

Meine Mitschüler bekamen in der Schule und auch außerhalb immer wieder zu spüren, dass sie schwarz, uramerikanisch, asiatisch, muslimisch waren oder einfach nur kritische Gedanken machten. Die Lehrer, die ich bis dahin hatte, machten kritisches Denken, eine eigene Meinung und Toleranz gegenüber anderen zu wichtigen Inhalten ihres Unterrichts.

Die Jugend meiner amerikanischen Freunde war besetzt von der Angst, später kein gutes College besuchen zu dürfen, keinen guten Job zu bekommen, allein zu sein, arm und ohne Zugang zur Gesellschaft. In Deutschland hatten sie uns bis dahin immer gesagt, macht, was euch Spaß macht und der Erfolg kommt von selbst. Genießt eure Jugend, spielt draußen, schaut euch die Welt an.

Das alles hat sich geändert. Die diversen Wirtschaftskrisen, die Kriege, die Angst vor Terrorismus, der unbegrenzte Kapitalismus, die Angst vor Fremden ist globalisiert worden. Meine amerikanischen Freunde haben inzwischen alle die USA verlassen und leben entweder in Kanada, in Europa oder in Südamerika. Wie Exilanten haben sie ihr Land verlassen, das es ihnen nicht ermöglicht, ein liberales, umweltbewusstes und pazifistisches Leben zu führen. Selbst meine Gasteltern, sehr bürgerlich und strebsam, sagen nur noch „Das gehört sich nicht“. Ende September schickte mir mein Gastbruder einen Link zu den Protesten in New York. Er fragte mich, ob das so ein Zeichen sei, wieder zurückzufahren. Ob das #occupywallstreet der amerikanische Tahir-Platz sei. Ob es sich lohnt, seine Blase in Barcelona zu verlassen und die Risiken auf sich zu nehmen und beim richtigen Change mitzumachen. Keine Ahnung, sagte ich. Aber ich hoffe es.

c

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