09. Juli 2011 – Breminale

Er war sicherlich wütend, weil die Frauen bei der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land im Viertelfinale gegen Japan ausgeschieden waren. Anders ließ sich nicht erklären, warum der testosterongeschwängerte Typ Flaschen auf die Polizei werfen musste. Und Straßenschilder. Und Baugerüste. Anders ließ sich nicht erklären, warum aus einer harmlosen Sitzdemo eine der krassesten Straßenschlachten der letzten Jahre in Bremen werden konnte.

Rückblick: Wir fahren gerne nach Bremen. Weil die Leute sehr nett sind, die wir da treffen. Weil jeder Auftritt bis jetzt immer sehr viel Spaß gemacht hat. Weil die Stadt schön ist und am Wasser liegt. Also haben wir uns auch gefreut, als die Breminale uns auf eine Bühne mit Flo Mega (der beim Bundesvision Song Contest für Bremen an den Start geht), The Young Punx (eine der knalligsten Maximal-Elektro-Banden und unglaublich nett!) und dem Super-8-Abend (tolle Band improvisiert live Soundtracks zu Kurzfilmen) stellte. Nach einem tollen Konzert und lecker Veggie-Lasagne wollten wir den Samstagabend genießen und ließen uns ins Viertel fahren.

Der Taxifahrer hatte ein „Moscheen, nein danke!“-Aufkleber auf dem Amaturenbrett, fuhr etwa 100 kmh und fluchte unentwegt. Wir gaben ihm kein Trinkgeld. Als er uns an der Ecke Sielwall-Ostertorsteinweg rausließ, brannte dort schon die Luft. Mehrere hundert Jugendliche kabbelten sich mit Polizisten, was genau der Auslöser war, wissen wir bis jetzt nicht. „Das geht hier fast jede Woche so im Sommer“, klärte uns ein Passant auf.

Die Jugendlichen saßen auf der Kreuzung und nur die blitzblanken Limousinen ließen sie durch. Vor der Polizei hatten sie indes keine Angst. Die Situation schien eigentlich ruhig, bis dieser Typ aus dem Nichts erschien. Braungebrannt, trainiert, die Haare abrasiert, ganz im Großraumdiskooutfit fing er erst an, Flaschen zu schmeißen, und, als er merkte, dass die Polizei an dem Abend definitiv deeskalieren wollte, griff er zu größeren Gegenständen. Auch der nackte Flitzer konnte die Situation nur kurz entspannen. Denn der Vollidiot wollte einfach Dampf ablassen.

Auch Bitten von Anwohnern und vernünftigen Menschen hielten ihn nicht davon ab, Flaschen, Metallgerüste und Straßenschilder gegen Menschen zu schmeißen. Für eine Stunde sah es im Viertel aus wie auf einer Anti-G8-Demo. Feuerwerk und Böller, Wurfgeschosse und Signalleuchten, Jagdszenen und Schmährufe.

Erst nachdem sie ihn komplett mit Pfefferspray vollgesrüht hatte und ihn zu zehnt festhielt, hörte der Vollhonk auf, Kleinkrieg zu spielen. Passanten applaudierten, Anwohner bedankten sich und die zahlreichen Schulferienrowdies hauten sofort ab. „Von denen wohnt doch niemand hier im Viertel“, beschwerte sich ein Kioskbesitzer. Die unzählige Getränke, die er an Schaulustige verkauft hat, waren für ihn wohl nur ein kleiner Trost.

Wir setzten uns weit ab in eine Kneipe und ließen uns über die Gentrifizierung und Gewalt der Krawalltouristen im Viertel aufklären und tranken noch ein Bier: auf die wilde Stadt Bremen!

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02. Juli 2011 – Lärz – Oase

Wir hatten an alles gedacht. Die Instrumente luftdicht verpackt, alle Kabel zusammen, zwei Mikrofone dabei, in der Hand eine Flasche Weißwein. Wir meinten es ernst: Wir wollten uns auf die Fusion schlenzen und dort spielen, quasi illegal.

Nachdem wir 2010 einen unserer schönsten Auftritte der Bandgeschichte im dortigen Palast der Republik hatten, dachten wir uns, dass man so etwas in 2011 nur steigern könnte, wenn die Bühne etwas ganz besonderes ist – nämlich keine Bühne, sondern ein ehemaliges Feuerwehrauto, das uns unsere Freunde von Graswurzel.tv zur Verfügung stellten. Samstag um 23 Uhr wollten wir vor die Oase fahren, die Lautstärker aufdrehen und allen Freunden und Vorbeikommenden ein kleines Ständchen bringen. Es war der perfekte Plan.

Wir trafen uns bereits ein paar Stunden eher auf dem Campingplatz, bauten auf, machten Soundcheck und kleine Witzchen über das Wetter. Denn es hatte mal eben aufgehört zu regnen. Wir schlichen durch den Checkpoint auf das Gelände, fuhren an allen tiefen Fützen vorbei bis zur Oase, wo uns bereits ein kleines Empfangskomitee erwartete. Und der Regen.

Es fing sofort an zu plärren und zu plitschen, als wir das Auto abgestellt hatten. Zwischenzeitlich saßen wir bestimmt mit zehn Leuten im Bus, Egge turnte draußen herum und versuchte die Technik zu retten. Mehr als 40 Minuten gingen vorbei, ohne dass die Sintflut aufhörte. Wir wollten trotzdem spielen. Jetzt erst recht.

Nach dem vierten Donner, bauten wir alles wieder auf, starteten den Dieselgenerator und schalteten den Verstärker an. Er glühte kurz, dann ging er aus, für immer. Die Party war vorbei. Die Bestechungsversuche mit Weißwein nahmen die plitschnassen Menschen um den Bus noch an, aber dann versuchte jeder, so schnell es ging ins Zelt zu kommen. Oder nach Hause. Egge verbrachte die Nacht in einem Hostel irgendwo in der Mecklenburger Pampa, Costa halb im Grantler und halb im Auto.

Der Abend zeigte wieder einmal, dass man, egal wie gut man plant und übt und sich vorbereitet nicht alles kontrollieren kann. Als Band, wie auch als Mensch an sich, bleiben wir abhängig von Dingen, die wir nicht beeinflußen können. Einerseits bringt einen so etwas immer wieder gut runter. Andererseits ist es manchmal sehr schade, so wie an diesem regnerischen Samstag, irgendwo in Mecklenburg.