15. Juni 2011 – Ek ‘Way: Der Kosmos in uns – Teil 2

Anmerkungen über den Zusammenhang von Gravitation und Bewusstsein am Beispiel der Mayas von Ingolf Ahlers, emeritierter Professor an der Leibniz Universität Hannover.

Nicht nur in der esoterischen Szene ist der angebliche Maya-Mythos vom Weltuntergang am 20. Dezember 2012 total in. Doch die  Interpretation von der Weltzerstörung als Apokalypse oder gar als „Jüngstes Gericht“ ist so stark vom christlichen Gedankengut übermalt bzw. verschmiert, dass sie mit den spirituell-religiösen Vorstellungen und Einbildungen der Mayas – der „Maismenschen“ – wenig zu tun hat. Bis heute werden in den meisten Publikationen „weiterhin gänzlich falsche Darstellungen zu Weltbild und Religion der Azteken verbreitet, die vor hundert oder gar mehr als zweihundert Jahren frei erfunden worden sind…“ (Ulrich Köhler: Vasallen des linkshändigen Kriegers im Kolibrigewand, Berlin (LIT Verlag) 2009, S. 1) Diese Feststellung von Köhler hat auch ihre volle Berechtigung für die Maya-Geschichte.
Eine der religiösen Grundideen aller  indianischen Hochkulturen Mesoamerikas (Olmeken, Mayas, Tolteken, Zapoteken und Azteken) ist die Anschauung, dass der Kosmos/das Universum im Namen unterschiedlicher Gottheiten mehrfach geschaffen worden ist. (Lehre von den  Weltzeitaltern). Und am 20. Dezember 2012 geht das Vierte Weltzeitalter, welches in der „Langen Zählung“ am 10. August 3114 v. u. Z. begann, nach 5126 Jahren zu Ende. Dieser Übergang zum Fünften Weltzeit-alter ist aber kein Untergang, sondern eine Transformation. Freilich ist sie aber mit schweren Tumulten und Turbulenzen verbunden (politische Umbrüche und Machtverschiebungen sowie Naturkatastrophen), die sich als „kosmische Verdunkelungen“ ankündigen.
„Wanderer zwischen den Welten“ –  so lautet die Grundformel des kosmischen Weltbildes der  Mayas. Erde und  Menschheit gehören zur galaktische Ökosphäre, sind deren Beobachter und
Teilnehmer.  Und als beobachtende Teilnehmer ist es ihre Aufgabe als ‚Partner‘ der Götter zur kosmischen Harmonie beizutragen. Die Beziehung der Mayas zu ihren göttlichen Geistmächten ist  eine der wechselseitigen Reziprozität: Geben – Annehmen – Zurückgeben. Der Austausch zwischen
den Mayas und ihren Gottheiten  bildet ein Gewebe, eine Geflecht aus gegenseitigen Gaben.
Mayas denken zyklisch und nicht linear wie wir. Dazu entwickeln sie eine regelrechte Zeitwissen-
schaft aus Astronomie, Mathematik (Erfindung der Null), Zahlenkunde und Kalendersystemen.
Dabei wird nicht getrennt zwischen dem Heiligen und Profanen. Die Mayas waren sternenbeses-
sen, denn wer die Bewegungen der Sterne kannte, der war Herr über die Zeit und somit mächtig. Was gerne übersehen wird, ist die Tatsache, dass für vormoderne Bauerngesellschaften die Sternen-kunde Voraussetzung ist, um die überlebenswichtigen Agrarzyklen und vor allem die Regenzeiten zu berechnen. Die religiöse Aufladung, Beseelung und Belebung dieser Tätigkeiten geht von Anfang an damit einher. Die Maya-Wissenschaften beruhen auf magischen Erkenntnisstrategien, in deren Mittelpunkt  Bewegung, Schwingung, Rhythmus und R e s o n a n z  stehen. Ohne kosmische
Resonanz wäre der Mensch verloren und verwaist.
Dass momentan ‚alle Welt‘ so auf den Maya-Faktor abfährt, liegt an dem Faszinosum, den Rätsel und Geheimnis umgeben. Haben die Mayas etwa irgendeine Idee erfunden, die als Merkmal der Geschichte von uns ‚übersehen‘ wurde, die aber 2012 große Auswirkungen haben könnte? Fragen dieser Art bringen uns in Wallung, denn auch wir lieben ja die Mythen, wie ein kurzer Blick in die
Werbung zeigt. Doch die Mayas gehen viel weiter. Sie sind fest davon überzeugt, dass es ein Ent-
sprechungsverhältnis zwischen Weltall und menschlichen Psycho-Kosmos gibt, dass wir Träger
eines Milchstraßenbewusstsein sind, was F. Nietzsche genauso gesehen hat.
Ausgangspunkt meiner Betrachtungen und Reflexionen sind die neuen Ergebnisse der Maya-Forschung,  die da lauten: Kultur, Weltbild und Religion sind vom Schamanentum, vom Schama-nismus  durchdrungen wie auch bei Inkas, Tolteken, Zapoteken und Azteken. In der schamanischen Weltsicht ist der Kosmos dreigeschichtet: Obere Welt, mittlere Welt, untere Welt und durch den kosmischen Lebensbaum, der Weltenachse sind sie miteinander verbunden, so dass man in die Anderswelten reisen kann.
So wie der Maismensch ein Ereignis aus Energie, Bewusstsein und Information bildet, so auch das
Universum, in dessen kosmischen Gezeitenströme er eingebettet ist. Und im Zentrum dieser Gezei-
tenstrudel befindet sich Ek ‚Way (sprich wei) der „Schwarze Umformer bzw. der Schwarze Traum-platz“, die schwarze Leere der Milchstraße. Diese Vorstellung ist auch deswegen so umwerfend, weil wir heute wissen, dass jede Galaxie im Zentrum ein schwarzes Loch besitzt. Wenn wir uns nun die Frage stellen, auf welcher „vorstellenden Einbildungskraft, (F. W. Hegel) auf welchen Bewusst-seinszuständen dieses Weltbild beruht, so kenne ich nur einen, der mir da weiter geholfen hat, näm- lich Friedrich Nietzsche. Der spricht in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ von einem Milchstraßen-bewusstsein und -gefühl: „Wer in sich wie in einen ungeheuren Weltraum hineinsieht und Milch-straßen in sich trägt (= Pyscho-Kosmos, I. A.), der weiß auch, wie unregelmäßig alle Milchstraßen sind; sie führen bis ins Chaos und Labyrinth des Daseins.“ (Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. Hg: Karl Schlechta, München (Carl Hanser Verlag) 1973, Band 2, S. 187) Ich bin auf diese Aussage gestoßen, als ich mich daran gemacht habe Nietzsches Zarathustra im Rahmen einer Vorlesung an der Uni Hannover als eine schamanische Traumreise und Visionssuche zu interpretieren.
Im kosmischen Bewusstseins der Mayas besaßen auch die Götter ( = vergöttliche Ahnen) ihren
way, ihren Schutzgeist. Way bedeutet einerseits träumen, schlafen, sich verwandeln, zaubern,
verhexen und bezeichnet andererseits das Schutztier oder den Schutzgeist des Menschen, der ihn
als sein Schicksalsdoppelgänger, sein Alter ego, als sein „spirituel soul companion“ ein Leben lang begleitet. 1989 gelang es Maya-Forschern die Glyphe way zu entschlüsseln. „Und da war es auf einmal, das Zeugnis in Maya-Schrift, die Glyphe für den Begriff Schamane, welche die alten Maya-Schamanen auf Jenseitsreise oder als Verkörperung der Schutzgeister zeigte.“ (Linda Schele/David Freidel: Die unbekannte Welt der Mayas, München (Bertelsmann) 1999, S. 26) Diese Traumreisen sind gedankliche Unternehmungen und keine realen Weltraumreisen, wie von Däniken immer meint.
Für die Priesterschamanen der Mayas war das (geistige) Wandern zwischen den Welten und die Teilhabe an den kosmischen Resonanzen der Weg, der zu den Toren verborgener Wirklichkeiten
führt. Quantentheoretisch gesprochen, ist Ek ‚way der Ereignishorizont, jener ‚Rand‘ eines Schwar-
zen Loches, jener Ort unendlicher Dichte, wo alles auf die Große Null zusammengepreßt wird, wo die Dichte der Materie und die „Krümmung“ (A. Einstein) der Raumzeit unendlich werden. Ek ‚way ist der Ort aller Verwandlungen, aller Verkrümmungen – auch und gerade des Bewusstseins – und aller ultimativen Ereignisse. Aufgrund meiner schamanischen Praktiken ist für mich Ek ‚way der Ort des dunklen Leuchtens. Hier im Herzen des Kosmos begegnet den Schamanen auf ihren Geistreisen die große Weiße-Knochen-Schlange. Die kosmische Weltsicht der Mayas sagt dasselbe wie die moderne Quantentheorie: Das Universum ist Bewusstsein und Information und als Sternenstaub sind wir eins mit ihm: „Unser Schicksal ist eng verknüpft mit dem der Sterne, Kome-ten und Meteoriten, sie alle eingetaucht in ein Meer aus Strahlung, die zum Teil am Anbeginn
aller Zeiten entstanden ist.“ (Richard Fortey: Leben. Eine Biographie. Die ersten vier Milliarden
Jahre, München (C.H. Beck) 1999, S. 66)
Um zum Ek ‚way zugelangen besteigen die Schamanen das „Kanu des Lebens“ und werden von den beiden uralten Paddlergöttern Alter Stachelrochen und Alter Jaguar zum Zielort gebracht. Die beiden Paddler symbolisieren den fundamentalen Gegensatz von Tag (Stachelrochengott)  und Nacht (Jaguargott).  (vgl.Schele/Freidel, S. 483) Und hier am Ek ‚way treffen sie auf die Gottheiten
der Verwandlung und Bewegung.
Für das kosmische Denken der Mayas gilt dasselbe was Heinrich Zimmer 1937 in seiner brillianten
Studie „Philosophie und Religion Indiens“ geschrieben hat: Das „Grundprinzip ist, dass Vervoll-kommnung nicht etwas von außen Hinzugefügtes oder Erworbenes ( wie in der westlichen Kultur, I. A.), sondern das Eigentliche, das immer im Innern als Möglichkeit bereit liegt und die letzte Wirk-
lichkeit des Individuums ist. Deshalb ist das passende Gleichnis für die indische (und die maya, I. A.) Auffassung vom Vollendungsprozess nicht der Fortschritt, das Wachstum, die Entwicklung oder
die Ausbreitung nach außen, sondern die Sammlung nach innen, das Zurückziehen in sich selbst.“
Es geht also darum dasjenige ins „Bewusstsein zu heben, was schon immer schlafend und ruhend
(way-Konzept) im verborgenen Zustand als zeitlose Wirklichkeit des Seins wartet.“ (S. 485) Auch
hier leuchtet die Idee des Psycho-Kosmos durch. Und um diesen Bewusstseinszustand einer Zweiten Wirklichkeit und eines nicht alltäglichen Lebensgefühl zu erfahren, bedienten sich die Mayas der Visionssuche unter Zuhilfenahme von Blutentnahme und Aderlaß sowie von Pilzen und Peyote. Das tropfende Blut wurde in mit Baumwolle ausgelegten Schalen aufgefangen und dann mit Weihrauch gefüllt und angezündet. Dicker, schwarz-weißer und öliger Rauch steigt auf, die Visionsschlange erscheint und nun öffnen sich die Pforten der Macht zu den vergöttlichten Geistmächten. Bei meiner Initiation in Tepotztlan (Mexiko) war es Kaninchenblut, das die Tore zur Zweiten Wahrnehmung aufgestoßen hat.
Zusammenfassend ergibt sich ein unglaubliches kosmisches Vorstellungsbild im Maya- Bewusst-sein  Die Geistmächte, Ahnen und Götter blicken über den Rand des Ereignishorizontes auf die Menschheit. Es scheint so, als ob die Anderswelten des Schwarzen Traumplatzes vor der Entsteh-ung von Raum und Zeit, vor dem Urknall einfach schon da sind. Das erinnert an die modernen Theorien vom Multiversum. Ein galaktisches Gewebe aus rotierender Zeit in Zyklen von kosmi-schen Wiedergeburten ( = „Babyuniversen“) mit vielen lokalen und kleinen Big Bangs, eine Art ständiger Urknallerei von stellaren Blasen im kosmischen Schaum. Die Ereignisse jenseits des Horizonts haben bei uns Menschen den Namen Schwarze Löcher erhalten. Zwischen ihnen und ihrer jeweiligen Heimatgalaxis besteht eine Symbiose. Sie geben sich gegenseitig Schutz. Bringen wir es kosmopoetisch zu Ende: Damit überhaupt etwas geschieht und passiert, bedarf es eines Universums. Raum und Zeit sind gekrümmt, aufgewickelt und gefaltet in einer Mehrdimensio-nalität, genauso wie die Stirnlappen deines Gehirns. So bist du verbunden mit dem Universum.
Und am Ek ‚way befindet sich das Herz der verborgenen Gravitation, jener große Attraktor der alles zu sich zieht und der die Seele des Universums ausmacht. Ek ‚way ist die schwarze Leere der   Milchstraße, der „Weißen Wolkenschlange“. Und das Aufrichten der kosmischen Lebensbaumes (axis mundi) setzte jene Urbewegung in Gang, die den Beginn der Zeit ankündigt.
Es heißt, und es ist wahr, Gravitation ist Bewusstsein, Bewusstsein ist Gravitation. „Wenn wir unsere vorgefaßten Meinungen über die Bewegungsrichtung von Ursache und Wirkung umkehren, erhalten wir einen großen Attraktor, der alle Organisationsformen und Strukturen über mehrere Milliarden Jahre zu sich hinzieht.“ (Rupert Sheldrake/Terence McKenna/Ralph Abraham: Denken am Rande des Undenkbaren. Über Ordnung und Chaos, Physik und Metaphysik, Ego und Welt-seele, Bern, München, Wien (Scherz-Verlag)  1993, S. 26) Doch je schneller das Universum aus-einander fliegt, was es seit 5 Milliarden Jahren tut, umso mehr beschleunigt sich zugleich unsere kosmische Einsamkeit. Um mit dieser Verlorenheit angesichts der ungeheuren Weiten des Universums um zugehen, bedarf es der spirituellen Erkundungen des eigenen Weltinnenraumes,
des Kosmos in uns. Für mich findet am Ek ‚way jene Erfahrung und (Selbst-)Erkenntnis statt, die
bei den Maya-Schamanen bis heute lautet: In Lak ‚Ech: Ich bin ein zweites Du.
Zusätzliche Literatur
Petro Bandini: Der heilige Kalender der Mayas. Zeitmythos und Zukunftsprophezeiung einer ge-
heimnisvollen Kultur, München (Heyne Verlag)  1998
Brian Greene: Der Stoff, aus dem der Kosmos ist. Raum, Zeit und die Beschaffenheit der Wirklich-
keit, München (Pantheon) 2006
Nikolai Grube (Hg.): Maya – Gottkönige im Regenwald, o. O. (h. f.ullmann) 2006/07
Michio Kaku: Im Paralelluniversum. Eine kosmologische Reise vom Big Bang in die 11. Dimen-
sion, Reinbek (rororo) 2005
Christian Rätsch: Chactun. Die Götter der Maya. Quellentexte, Darstellung und Wörterbuch,
München (Diedrichs Gelbe Reihe 57) 1998
Linda Schele/David Freidel/Joy Parker: Maya Cosmos: three thousand years on the shaman´s path.
New York (William Morrow- Verlag) 1993

EK ‚ WAY II: Work in progress als Vertiefung der Einsichten über die Gemeinsamkeiten moderner
Quantenfeldtheorie und schamanischem Weltbild.

Ek ‚way I ist ein Zugangstext, eine Annäherung und der erste Schritt auf dem Weg der Selbstver-
ständigung. Jetzt ist er von mir wiedergekäut worden, was -so hoffe ich zumindest –  das Denk- und
Gefühlsfeld ausdehnt. Da man keinen Text im (zeitgeschichtlichen) Vakuum schreibt, – auch weil es keins gibt weder hier noch im All  – gebe ich gerne zu, dass von der Stimmung her (mood) dieser Text beeinflusst ist von den Ereignissen auf dem „Minikontinent“ (so Geographen) Nippon , wo ErdNatur beeindruckend durch Erdbeben und Tsunami ( = zerstörerische Mega-Kraft und und riesige Reichweite) gezeigt hat, warum die ‚Alten‘ sie immer als göttliche Macht verehrten und fürchteten, aber niemals als Rohstoffmine missbrauchten und sie nervten.

Schamanen sind Meister im Aufspüren von Kräften und Energien. Andrei Linde hat die quanten-philosophische Definition des schamanischen, kosmischen Bewusstseinszustandes eindruckvoll auf den Punkt gebracht: „Wir sind zusammen, das Universum und wir. In dem Augenblick, wo Sie sagen, das Universum existiere auch ohne Beobachter, kann ich in Ihrem Satz keine Bedeutung mehr entdecken.Ich vermag mir keine konsistente Theorie von allem vorzustellen, die das Bewusst-sein außer Acht lässt.“ (Zitiert nach Koku. Literaturliste in Teil I, S. 223)  Auch die Maya-Schama-nen wussten, dass sie in einem Beobachter abhängigen Universum lebten und dass das Universum ohne Beobachter tot wäre.
Das Weltbild des Schamanismus artikuliert sich in einer spirituellen „Symbolisation der Handlun-gen“ (Schirokogoroff), die vom geistigen Vorgang der A b s i c h t  gelenkt und geleitet wird. Zwar ist das „natürliche Wissen der Absicht jedem zugänglich“, doch nur diejenigen werden mit ihm umgehen können, „die bereit sind, es zu erforschen.“ Carlos Castaneda: Die Kraft der Stille, Frankfurt/M ( Fischer TB) 1988, S. 92)
Wenn also der Maya-Schamane im Träumen in das „Kanu des Lebens“  einsteigt, um die Fahrt zum Schwarzen Traumplatz anzutreten, so vollzieht er in diesem Augenblick recht eigentlich die  Ab-sicht  der kosmischen Paddlerei, da er alle Gefühle, die in seine Kanufahrt bestimmen werden, kennt. Indem er sich dieser Gefühle vergegenwärtigt, d. h. „sie quasi wieder zu beabsichtigen“ (Norbert Claßen: Das Wissen der Tolteken. Carlos Castaneda und die Philosophie des Don Juan; Freiburg (Hans-Nietsch-Verlag) 2002, S. 235) kann und wird er paddeln, durch reißende Ström-ungen und Verwirbelungen achtsam steuern, Felsen ausweichen, damit nichts sein kosmisches Rafting verhindert. Doch warum paddelt er anstatt durchs Weltall zu fliegen? Er paddelt, weil er intuitiv infolge seiner magischen Wissens das weiß und ahnt, was auch die Quantentheorie sagt: „Der Horizont eines Schwarzen Lochs verhält sich wie eine Flüssigkeit …, wie ein nukleares Fluid.“ (Leonard Susskind. Der Krieg um das Schwarze Loch. Wie ich mit Stephen Hawking um die Rettung der Quantenmechanik rang, Darmstadt (Wissenschaftliche Buchgesellschaft) 2010, S. 497/98)
Dieses „nukleare Fluid“ definieren die Quanten- und Stringtheoretiker als zähflüssig, wie bspw. Honig. Für die Mayas war das göttliche Fluid das Blut als d e r Baustein des Lebens und das rituelle Blutopfer steht im Mittelpunkt aller Kultzeremonien. „Blut galt als kostbarstes menschliches Gut und damit als größtes Opfer.“ (Grube: siehe Literaturliste Teil I, S. 429) Am Anfang steht also die Selbstopferung des Königsschamanen als Voraussetzung für die Visionssuche.

Die Blutmetapher ist auch konstitutiv für die Schöpfungslegende der Mayas. „Das Chaos, der ungeordnete Urbeginn der Welt war für die Mayas ein Roter Edelstein, der aus himmlischen Essenzen und den Tropfen der Verwandlung gebraut wurde.“ (Rätsch, siehe Literaturliste Teil I  S. 12) . Der Rote Edelstein ist ein Blutstein. Ordnung bekam die Welt als der „noch namenlose Schöpfergott“ aus seinem Rachen ein Spinnennetz hervor zog und so den Roten Edelstein fesselte. „Nach dem Muster des Spinnennetzes wurde der Kosmos gewebt. In konzentrischen Kreisen räkelt er sich durch die vier Weltgegenden. Das Spinnennetz des Steines, das sich aus seinem Maul entfaltete ist die Geburt der Weltenordnung.“ (ebenda) Von nun an ist Blut, das „Heilige Jadewas-ser“ jene Essenz, die die Kommunikation zwischen Mensch und Gottheit ermöglicht, sozusagen eine magisch-rituelle  Bluttransfusion, die die Bevölkerung eines Maya-Stadtstaates in einen
Zustand kollektiver Ekstase versetzte:
„Während sich die Sonne im Westen dem Horizont näherte, stach sich Ah-Cacaw eine Obsidian-lanzette in die Vorhaut, um nunmehr auch sein eigenes Blut als Nahrung und Stärkung für den neugeweihten Baum-Stein zum Fließen zu bringen. Mit einem Gesang auf den Lippen, damit sein Opfer der Aufmerksamkeit der Ahnen nicht entging, bestrich der König die Schmalseiten der Stele mit seinem Blut. In der Gewissheit, dass die Toten die Ehre, die er ihnen erwies, bemerkt hatten und sich dafür revanch-ieren würden, indem sie die Dämonen der Eroberung gegen seine Feinde los-ließen, erhob sich der König und zog im Gehen eine Blutspur auf dem Boden. Damit wies der gött-liche Ahau ( = Titel des Königsschamanen, I. A.) den Ahnengeistern den Weg, den sie bei Rückkehr nach Tikal nehmen müßten. … Draußen auf den Plazas wogte das festliche Treiben wie die Wellen einer stürmisch bewegten See. Da gab es Tanzprozessionen, Maskenzüge und Festbankette, bei denen in erlesenen Geschirr seltene Speisen und Getränke serviert würden. Mitglieder der königli-chen Familie vollzogen das Blutentnahmeritual und wirbelten in Trance über die weiten Terrassen rings um die Große Plaza. Die Volksmenge, von ihrem Beispiel angestachelt, tat es ihnen gleich, so dss Bäche von Blut über den Boden flossen und das Weiß des Kalkstrichs rot färbten.“ (Schele/Freidel. Literaturliste Teil I, S. 221/222) Was für eine rituelle Performance!
Für die Mayas verkörpert der Rote Edelstein im Herzen des Universums das Chaos der kosmischen Ursuppe, die quantentheoretisch eine Quarksuppe aus subatomaren Elementarteilchen ist. Und die Herstellung der kosmischen Ordnung symbolisiert das Spinnennetz als stellares Gewebe.
Aus dem Buch des Jaguarpriester:
„Ich ziehe aus deinem Mund heraus
Das Spinnennetz des Steines
Das ist es, das da geht, wandert und ordnet
Das sind sie, die Herren, die alles ordnen
So lest denn deine Inschriften
Dann werdet ihr erkennen!“ (Zitiert nach Rätsch, S. 14)
Und was sagt der Quantentheoretiker:
Die gesamte natürliche Welt besteht aus „Elementarteilchen, die von Punkt zu Punkt wandern, zu-sammenprallen, sich spalten und wieder verbinden. Sie bildet ein gewaltiges Netz von Weltlinien, die Ereignisse (Raumzeitpunkte) miteinander verbinden. Die Mathematik dieses gigantischen Spinnennetzes aus Linien und Punkten ist Laien nicht leicht zu erklären.“ (Susskind, S. 122) War-um paddeln die Maya-Schamanen zum Ek ‚way, was wollen sie an diesem Ort? Sie wissen , dass unsere scheinbar „solide dreidimensionale Welt so etwas wie eine Illusion zu sein (scheint); wäh-rend sich das einzig wahre draußen an den Rändern des Alls abspielt.“ (ebenda, S. 500) Weit, weit dort draußen befinden sich die einzigen und wirklichen Orte der Information. Ek ‚way – Schwarze Löcher- sind im „Grunde Reservoire versteckter Informationen. Tatsächlich sind sie die am dich-testen gepackten Informationsspeicherbehälter der Natur. Das ist vielleicht die beste Definition eines Schwarzen Loches“ (ebenda, S. 167) und auch von Ek ‚way, dem Großen Gestaltwandler aller Energien, aller Kräfte und Mächte.Hier im „leeren Raum“ vibrieren, schwingen, tanzen die Teilchen und Strings. Hier spielt im Wortsinne die Musik, die kosmische Sinfonie. Und wie die Teilchen sich erst dann entschließen „die eine oder andere Eigenschaft anzunehmen“ und sich zu zeigen, wenn sie betrachtet oder beobachtet werden ( Greene, siehe Literaturliste in Teil 1, S. 105) so auch die Geistmächte.
Erst wenn wir wieder wie Schamanen lernen, aspektivisch und nicht nur perspektivisch zu denken, können wir begreifen das Teilchen und Geister sich überall und nirgends befinden, aber sie stehen trotzdem in ‚Kontakt‘, was A. Einstein zur Verzweiflung brachte und darum und als „geisterhafte Fernwirkung“ bezeichnete: „Das Ergebnis dessen, was wir an einem Ort tun, kann mit dem, was an einem anderen Ort geschieht, verknüpft sein, selbst wenn sich nichts zwischen den beiden Orten hin- und herbewegt – selbst wenn die Zeit so kurz ist, dass nichts die Strecke zwischen den beiden Orten zurücklegen könnte.“ (ebenda, S. 141) Das ist die Magie moderner Naturwissenschaften, denn das Prinzip der universellen Verbundenheit zwischen den Teilchen „scheint doch den Gedan-ken nahe zu legen, dass irgendein  ü b e r l i c h t s c h n e l l e s  E t w a s zwischen ihnen operiert.“ (ebenda, S. 144, Herv. von Greene) Und auch im  Psycho-Kosmos können unsere Teilchen – Ge-danken, Ideen, Gefühle und Stimmungen – heraus und hinein gehen, können sich aufeinander zu bewegen oder sich entfernen, können sich zu Gedanken- und Gefühlswolken zusammen ballen. Für andere sind inneren Bewegungen unbeobbachbar, zumindest nicht auf den ersten Blick erkennbar. Wir können uns die Teilchen unseres Psycho-Kosmos wie Gefühls-Jongleure vorstellen, die ständig Bälle werfen, einfangen oder neue Teilchenbälle ins Spiel bringen. ( vgl. zur Jongleuranalogie, Susskind, S. 404-406)
Eins müssen wir immer wieder (be-)denken. Der Schwarze Traumplatz, das Schwarze Loch sind
k e i n  Ort, sondern ein Ereignis, welches seine Geheimnisse durch einen Ring – Ereignishorizont
genannt – schützt, indem jeder, der diesen Horizont überschreitet -point of no return – ‚für immer‘
gefangen ist.
Doch es wird noch viel phantastischer: Angenommen Schwarze Löcher und deren gigantische Energiedichte ‚bestehen‘ aus Anti-Materie, dann sind sie der S p i e g e l der Materie. Darum ihr
Schwarzes Leuchten, ihr Dunkler Glanz. Nun sagen die Quantentheoretiker: Treffen sich Materie und Anti-Materie, dann annihilieren sie, löschen sich nicht einfach gegenseitig aus, sondern
ü b e r f ü h r e n sich in einen anderen Energiezustand. Wenn in unserem PsychoKosmos sich Ich
und Anti-Ich begegnen, geschieht dasselbe. Sie überführen sich in einen anderen Bewusstseins-zustand.
Was vorläufig bei mir bleibt, ist die Erkenntnis, dass schamanische Magie und moderne Quanten-
feldtheorie zwei ebenbürtige Strategien der Weltdeutung sind. Demut, statt Angeberei  würde uns
gut zu Gesichte stehen, denn „es liegt auf der Hand, dass wir mit unseren naiven Vorstellungen über Raum, Zeit und Information gänzlich außerstande sind, die Natur zu verstehen.“ (ebenda, S. 501) Und weil das so ist, empfinden wir die (kosmische) Natur als unbegreifbar; „ schlimmer noch, der größte Teil des Universum entzieht sich für immer unserer Erkenntnis“ (ebenda, S. 505)  Darum verstanden Schamanen die Natur  auch immer intuitiv als imaginierte Manifestation göttlicher (Geist-)Mächte. Und Ek ‚way erzählt die unglaubliche Geschichte „als lebten wir alle in unserem eigenen, privaten umgekehrten Schwarzen Loch.“ (ebenda, S. 504) Das schamanische, kosmische Bewusstsein wird aufs Glänzendste von der Quanten- und Stringtheorie bestätigt. „Einer bestimm-ten Wissenschaftslehre zufolge gehört etwas, das – im Prinzip – unbeobachtbar ist, nicht zur Wis-senschaft. Lässt sich eine Hypothese auf keine Weise falsifizieren oder bestätigen, gehört sie zum Bereich der metaphysischen Spekulation, genau wie die Astrologie und der Spiritualsmus. An die-sem Maßstab gemessen, hat der größte Teil des Universums keine wissenschaftliche Realität – er ist nur ein Produkt unserer Phantasie.“ (ebenda, S. 505); also unseres „unendlichen Reichtums an Vor-stellungen“. (F. W. Hegel) Endlich der angemessene Grabgesang für den anödenden naturwissen-schaftlichen Pseudorationalismus und Determinismus. Dafür die Einsicht, das auch unser Weltbild auf Mythologien und zwar sehr schönen beruht. Das sollte man doch wissen.
Und nun noch ein Schlenker und Streifzug zu den modernen Zivilisationsmythen über die Mayas von wegen Aliens, Raumfahrt, göttliche Landungen oder auch Atlantisnachfolger, weil das Original der Mayas einfach besser ist.

Die mythische Weltallthese à la Däniken verweist immer gerne auf eine glyphische Abbildung zwecks Unterfütterung ihrer Vorstellung. Da stürzt in einer dramatischen und  ornamentbeladenen Szene der große Königschamane Pakal (=Schild; 615-683) –,  in Europa:  Ära der germanischen Stammeskönigreiche (Gothen Vandalen, Franken) – wie ein ‚Stuka‘ im Sturzflung in die Unterwelt,
in ein spirituelles Schwarzes Loch. Er vollzieht den alten ursprungsmythischen Schöpfungs- und Gründungsakt. Geist und Seele – das „weiße Blüte-Bewusstsein“ – werden eins. Die ‚Mission‘ ist klar: Es gilt ins Zentrum des Schwarzen Lochs zu reisen, um mit Hilfe von vergöttlichten Schutz-geistern die „S c h w a r z e   M i t t e  in Ordnung zu bringen“. (vgl dazu und im folgenden: Grube, Teil I Literaturliste, S. 283f). Hier in der Mitte des Schwarzen Lochs lebt der „Unterweltherrscher auf seinem Jaguarthron“, umgeben von „sechs anderen göttlichen Wesen. Der Jaguarstein ist identisch dem Jaguar-Bündel-Stein.“
Auf dieser Reise in Begleitung der Paddlergötter verschmelzen Raum und Zeit zur Raumzeit, „jener  Zustand des Universums genau zum Zeitpunkt der Schöpfung, als der Himmel dunkel und noch nicht vom Urmeer umgeben war.“ Und an diesem Ort des Anfangs aller Zeiten manifestiert sich der Maisgott, der „Erste Vater.“ Pakal  ist am Urgrund menschlicher Schöpfung. Knochen, Maismehl und Götterblut – das ist der Mensch. Der französische Psychoanalytiker sprach vor dreißig Jahren in diesem Zusammenhang mythischer Traumreisen vom „präontologischen Bewusstsein“, sozusagen
dem reptilischen Bewusstsein des Menschen: Der Hirnstamm, eine große Insel in unserem Psycho-Kosmos stammt aus Zeiten, in denen wir noch gar nicht als Gattung auf der Erde waren.

Nachdem ich Ek ‚way II niedergeschrieben hatte, torkelte ich wie in Trance  durch die alltägliche Welt der Ersten Aufmerksamkeit, schnitt mir ‚versehentlich‘ beim Tomatl-Schneiden in den Daumen der linken Hand, verstand das als Zeichen für eine kleines Selbstopferungsritual, fing das Blut auf einem weißen Papiertaschentuch auf, fügte Räucherwerk hinzu und zündete es in einer Muschel-
schale an, so dass ölig-weißer Rauch aufstieg und begab mich unter diesen veränderten Bwusst-seinszuständen auf eine Trommelreise zum Schwarzen Traumplatz. Dort traf ich völlig unerwartet auf den Schwarzen Katzendämon, eine Manifestation des Nachtjaguars.  Einfach ganz fürchterlich. Er stand mir gegenüber und war umgeben von einer Meute garstiger, kreischender Katzen, die alle mit Tollwut infiziert sind.(Tollwut = Radioaktivität) Ich bin vor Grauen und Panik vollkommen erstarrt; wie totgestellt. Wie soll ich diesen Ring aus Mörder-Katzen überwinden, um den tief im Tal liegenden rettenden Flug-hafen zu erreichen? Ich weiß  und fühle, dass ohne Gestaltswandel nichts mehr gehen wird. Jeder äußere Gestaltswandel ist Ausdruck, ist Versinnbildlichung eines veränderten inneren Bewusstseins-zustand! Als die ersten Katzen sich mir schmeichelnd-tödlich nähern, tritt mein tierlicher Schutz-geist Fuchs an meine Seite. Der ist nämlich nicht in Panik geraten, sondern wusste sofort, augen-blicklich, dass ich eine Gestalt annehmen muss, der tollwütige Katzenbisse nichts anhaben können. So werde ich in einen grünen, weil bemoosten Stein verwandelt (Steine dieser Art kenne ich aus meinen Harzreisen), der mit anderen, grinsenden Steinen sich daran macht, zu Tale zu rodeln. Es wird ein richtiges Wettrennen. Jaulend stieben die Katzen auseinander. Wir jagen sie und Blut fließt. Ich bin zu „Stein-Kegelchen“ geworden. Elegant und jubelnd umkurve ich kühn die Hindernisse, wie bspw. Baumstümpfe und düse zu Tal. Ich weiß und fühle: Das bin ich als unbeschwerter, masseloser Stein – ein herrlicher Widersinn, ein irres Sinnbild für die Verwobenheit von Bewusst-sein und Gravitation: Schwereloses, reines Selbst.  Ich genieße voller Freude das Rodelrennen als flitzender Stein. (Hier scheinen alte Bilder aus den Zeiten meiner Evakuierung von Berlin in den Harz von 1944-1948 auf zuscheinen. Damals bin ich mit Holzfällern auf riesigen, mit Baumstämmen beladenen Bobschlitten zu Tale gerast.) Leichter Schneefall setzt ein und es bedarf einiger Anstrengungen mir die Kapuze meines Shirts über den Kopf zu streifen. Wir alle zischen auf einen Wasserfall zu: Gischt und Tropfen schweben umher und hüllen uns ein. Eine weiße Wasserwand aus donnernde Rauch erscheint und ich schieße durch schäumendes Weißwasser – und das einzige, was mir durch den „Kopf „geht“ ist das Problem, ob ich mich vor dem Abflug noch duschen, föhnen und trocknen kann. Die ‚Realdinge‘ Flughafen, Kapuze, Duschkabine und Föhn sind Indiz, inwie- und insofern der Schamane immer eine Nabel-schnur zur Ersten Wirklichkeit beibehält. In unser Träumen gehen immer Dinge und Gegenstände sowie Geschehnisse unseres Alltags ein.
Die historischen Erfahrungen der Mayas, ihre Art des Stoffwechsels mit der Natur, ihr zyklisches Denken und ihr rituell-geprägtes Weltbild gibt Kunde davon, dass uns ohne kosmisch.spirituelle Bewusstheit  die mentalen Kompasse abhanden kommen. Der dämonische Traum von der absoluten Verfügbarkeit über alle Dinge und menschlichen Aktivitäten ist in der Atomanlage  von Fukushima in die Luft geflogen. Das ist deswegen eine Katastrophe, weil der altgriechische Ausdruck „Um-kehr, Umwendung“ bedeutet.

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One thought on “15. Juni 2011 – Ek ‘Way: Der Kosmos in uns – Teil 2

  1. Ich liebe die gedanklichen und sprachlichen Reisen von Ingolf, die grosse Kreise ziehen und interessante Zusammenhänge aufweisen.. danke dafür

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