Beatpoeten treffen: Klaus Farin

Was müssen das für Zeiten gewesen sein, damals in den siebziger Jahren in Gelsenkirchen. Na ja. Kein Wunder, dass Klaus Farin nach Berlin zog, um Musik zu hören, zu feiern und ein wenig über die Hausbesetzer zu recherchieren. Irgendwann schrieb er Bücher über die einzelnen Szenen – und gilt heute als einer der kompetentesten Jugendkulturexperten des Landes. 

Ein Hotel an Hannovers Klagesmarkt. Hier tobte am 1. Mai die Bratwurstrevolution der Gewerkschaften. Ein paar Wochen später toben hier nur ein paar Kinder über die Straße. Die Revolution ist ausgeblieben. Die Sonne scheint zynisch auf das große Hotelfenster hinter dem einer steht, der vielleicht auf einen anderen Ausgang der Geschichte gehofft hat, Klaus Farin. Als Jugendlicher kam er nach Berlin, sammelte Flyer, Fanzines, Bücher, Aufkleber, Platten und Facharbeiten über Gothics, Punks, Skins, Hools und Jesusfreaks. Er baute mit geliehenem Geld das Archiv der Jugendkulturen auf, das wichtigste unabhängige Zentrum für Jugendkulturen in Europa, und schrieb Bücher über die einzelnen Szenen. Farin kennt die Jugend besser als mancher Jugendbeauftragter und könnte eigentlich in irgendeinem Bundesamt sitzen. Aber Farin trägt immer noch „Commerzpunk“-Shirt von Fahnenflucht auf der breiten Brust und pocht auf Unabhängigkeit. Und so richtig kann man so einem doch nicht über den Weg trauen, oder?

Hoch im 14. Stock des Conti-Hochhaues, im Literarischen Salon, spricht Farin zunächst nicht wirklich gern über sich. Farin oder Farín mit Betonung auf dem I? „Mir egal, wie du denkst.“  Er bleibt Chronist und Autor, kein Selbstdarsteller, es gehe eher um die Sache, die Jugend und deren Archiv. Die sei viel braver geworden, werde trotzdem immer öfter zum Sicherheitsrisiko erklärt. Er erzählt von Begegnungen mit Nazis, den Besuch von Rechtsrockkonzerten zur Recherche und dem Spannungsverhältnis von Szene und Literatur über die Szene. In der Halbzeit überlegen wir, ob wir Bier trinken sollen. Erst mal nicht.

Die zweite Halbzeit wird zur großartigen Debatte über die Jugend ansich. Selten zeichnete jemand ein so scharfes Bild über die wilde Zeit, die gar nicht mehr so wild scheint. Ein paar Punks und Skater nicken im Publikum immer wieder. Viele machen Aufzeichnungen. Das Publikum fragt interessiert nach. Dann gibts Applaus und Bier. Klaus Farin schlüpft wieder in seine Rolle als Beobachter. Der Erklärer bleibt außen vor. Man lästert über bekanntere TV-Moderatoren und Krimischreiber. Farin nickt nur. Und scheint zu genießen, dass es nicht mehr um ihn geht. Gut, dass es ihn gibt.

Zum Nachhören gibt es hier die Mitschnitte. Besonders gut: der zweite Block. Alles hier zu finden:

http://www.literarischer-salon.uni-hannover.de/archiv/2011-05-23.html

Der Artikel des HAZ-Kollegen Thorsten Fuchs zum Abend:

Brav, braver, Jugend heute
Klaus Farin erklärt im Salon den Nachwuchs

Wahrscheinlich war Jungsein nie so schwierig wie heute. Punks, Jesusfreaks, selbst Emos – alles längst da gewesen. Und wenn es Che-Guevara-T-Shirts schon bei H&M gibt, die Eltern noch regelmäßig zu Hip-hop-Konzerten gehen und sich selbst der hinterste Provinzler mittels YouTube-Anleitung binnen eines Tages zum perfekten Goth stylen kann: Wie bitte soll man sich denn da abgrenzen können?

Einer, der besser als alle anderen weiß, wie Jugendliche das trotz allem schaffen, war am Montag im gut gefüllten Literarischen Salon zu Gast: Klaus Farin, Gründer des Berliner Archivs der Jugendkulturen, einer einzigartigen Mischung aus Archiv, Bibliothek und Forschungsstelle zum Thema „Wie ticken Jugendliche?“. Farin, Jahrgang 1958, schulterlanges Haar, „Commerzpunk“-T-Shirt („Der Punk an deiner Seite“), trägt das Attribut „Berufsjugendlicher“ mit Würde. Über sich, auch das konnte man an diesem Abend erfahren, redet Farin eher ungern. Er hört lieber zu. Metallern, Hooligans, auch Skinheads. Er spricht mit ihnen, bevor er über sie spricht. Und er setzt darauf, dass vieles für sich selbst spricht, zum Beispiel bei einer Neonazi-Band: „Man muss die nur 15 Seiten reden lassen, dann weiß man, wie Panne die sind.“

Mit seinem Befund über Jugend heute widerspricht er allen Klischees und Thesen vom prügelnden oder computerspielfixierten, medienverwahrlosten Nachwuchs. Das Bild von der Jugend habe sich verschlechtert, sagt Farin. „Aber die heutige Jugendgeneration ist die bravste der vergangenen 40 Jahre.“ Jugendliche rauchten heute weniger, tränken weniger Alkohol und hätten später Sex als die Generationen vor ihnen.

Vielleicht steckt gerade darin eine subtile Form der Abgrenzung. Denen, die nun über eine lammfromme Jugend klagten, hält Farin einige unangenehme Wahrheiten entgegen: Auch 1968 habe sich nur ein Bruchteil der Studenten an den Protesten beteiligt. Der bei Jugendlichen damals erfolgreichste Musiker sei übrigens Roy Black gewesen, erklärt Farin. „Also: auch nicht so ganz Apo.“

Hannoversche Allgemeine Zeitung, 25.5.2011

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