20. Mai 2011 – Bremen – Schwankhalle – Manifest der Vielen

Am 20. Mai durften wir als musikalischer Gast bei einer Lesung des „Manifest der Vielen“ sein. Die Autoren Deniz Utlu, Mely Kiyak und Yasemin Karasoglu wurden dabei unterstützt von Moderator Erkan Altun und den Theatermachern Christoph Glaubacker, Anja Wedig und Carsten Werner. Eine Kritik des Weser Kuriers findet ihr hier. Aus gegebenem Anlass schreiben wir an dieser Stelle aber keinen normalen Bericht über den Abend, sondern lassen unsere Freundin Melissa Canbaz das Thema beleuchten. Melissa (24) ist Türkin. Sie ist in Deutschland geboren und aufgewachsen. Nach einem Kunstgeschichtsstudium verschlug es sie in die Hauptstadt, wo sie den beruflichen Einstieg in die redaktionelle Welt wagt – unter anderem für „Texte zur Kunst“ oder frieze d/e„.

Es war schon irgendwie absehbar, dass auf die Publikation von Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ ein Gegenbuch folgen wird. Wie sollten Kulturschaffende und muslimische Intellektuelle darauf reagieren? „Manifest der Vielen – Deutschland erfindet sich neu“ heißt das im März 2011 von Hilal Sezgin herausgegebene Buch.

Der Titel und das plakative Cover  zumindest scheinen sich auf den Sarrazin-Vorgänger zu beziehen. Der Titel klingt harsch. Irgendwie provozierend. Doch schon kurz nachdem ich das erste Mal in dieses Buch aufgeschlagen hatte, wurde deutlich, dass es sich hierbei um dreißig heterogene Erfahrungsberichte, von Menschen in Deutschland mit „Migrationshintergrund“ handelt (ein Wort, das ich einfach nicht mehr hören mag). Die Autoren beziehen Stellung und setzen ein Zeichen gegen Rassismus, Ausgrenzung und Vorurteile. Sie schreiben über ihr Leben in Deutschland, über ihre Heimat, über ihr Muslim-Sein und nicht Muslim-Sein. Vor allem, weil genau diese öffentlichen Debatten, die seit letztem Herbst mal mehr mal weniger präsent sind, entmutigten und ich das Gefühl hatte eine neue Herangehensweise müsste her, halte ich diesen Gegenentwurf eigentlich für sehr clever. Mich interessiert, was bekannte türkische Autoren, wie Feridun Zaimoglu, zu dem Thema denken und dadurch neue Denkanstöße liefern.

Das „Manifest“ versucht eben nicht eine einzige Antwort zu finden, sondern Individuen zur Sprache kommen zu lassen, die es leid sind, über Klischees hinweg in eine Schublade gesteckt zu werden. Verständlich. Ich persönlich hatte nie das Gefühl, zu einer bestimmten „Gruppe“ zu gehören, die sich benachteiligt oder gar übergangen fühlt. Erst die durch Sarrazins proklamierten Aussagen über die Migration im Land und dessen vermeintliche Auswirkungen, führte dazu, mich selbst überhaupt als sogenannte „Minderheit“ wahrzunehmen. Ich hatte nie Nachteile und lebe glücklich in Deutschland. Man könnte es gelungene Integration nennen.

Dennoch fühlte auch ich mich vor den Kopf gestoßen, als ich diese sehr weithergeholten Thesen las. Man ist fassungslos. Man solidarisiert sich. Die Anti-Sarrazin-Schrift ist das Resultat. Es liest sich mehr wie eine Satire und gleicht keinesfalls einem politischen Programm. Das gefällt mir. Denn jedes Mal, wenn ich mit diesem Diskurs konfrontiert werde, spüre ich eine gewisse Art von Müdigkeit, die sich immer dann bemerkbar macht, wenn die Wut allmählich abgeklungen ist. Ich bin mir sicher, dass es auch auf das „Manifest“ in kürze eine „Antwort“ geben wird. Wir (und damit ist nicht dieser starre Wir-Ihr-Gegensatz gemeint, sondern wir alle!) sind nämlich noch lange nicht so weit. Die Debatte wird weitergehen. Man kann nur die Stimme erheben. Aber es gibt sie. Diese Gegenstimme. Das beruhigt.

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