19. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: Sven Regener

Ach, wären wir nur ein wenig älter gewesen, in diesem verrückten Jahr 1989. Die Mauer wäre gefallen und wir hätten Herrn Lehmann in die Arme laufen können. Stattdessen saß Egge im tiefsten Nordosten und hat sich langsam davon verabschiedet, Thälmann-Pionier zu werden. Herrn Lehmann hat er trotzdem ins Herz geschlossen. Und diesen Element-of-Crime-Poeten Sven Regener eh. Auch wenn der jetzt bloggt. Und Netztextromane veröffentlicht. Zeit für ein Gespräch.

Maritim Hotel Stuttgart. Mitten in der Lena-Woche. Regener ist auf Promotion-Tour und sitzt im Hotel. 30 Minuten hat Egge, der sich einfach von der Zentrale durchstellen lassen soll. Okay. Achtung, Dialogeinlage:

„Hallo, hier ist der Jan. Ich möchte mit Hern Regener sprechen.“
„Warum?“
„Ich möchte ein Interview mit ihm führen, wir sind verabredet.“
„Mit wem haben sie das denn abgesprochen?“
„Mit Herrn K.“
„Ich stell durch…“
„Ähhhh“
Dam, Dam, Dam
„K. Wer ist denn da?“
„Hier ist der Jan wegen dem Sven Regener-Interview.“
„Das ist gut, aber ich bin nicht Herr Regener, der sitzt im Zimmer 389.“
„Aha. Da wollte ich ja auch hin.“
„Ich hatte doch geschrieben, dass Du Dich durchstellen lassen sollst.“
„Mach ich ja.“
Dam, Dam, Dam
„Maritim Hotel Stuttgart.“
„Hallo, der Jan. Ich wollte zum Sven Regener durchgestellt werden, Zimmer 389.“
„Alles klar.“
„Alles klar?“
„Ja, kein Problem. Sie sind doch der mit dem Interview. Ich stell durch.“
„Ah, ja, okay. Danke.“
Dam, Dam, Dam
„Ja?“
„Ja, guten Tag. Herr Regener?“
„Ja, natürlich.“
„Ja, klar. Natürlich, dann mal los.“

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„Kein Künstler will Feedback“

Sich Sven Regener als nerdigen Blogger mit zugezogenen Jalousien vorzustellen fällt schwer. Können Sie sich an Ihren ersten Blogeintrag erinnern?
Puh. Das ist fünfeinhalb Jahre her. Keine Ahnung.

Kneipe oder im Kaffeehaus?
Ich bin mir sicher, dass das zu Hause war, weil ich dort einen Internetanschluss habe.

Aufgeräumter Schreibtisch oder Sofa?
Man! Weiß ich nicht mehr. Damals gab es ja noch nicht so viel W-Lan oder so was. Ich hatte nur einen Internetanschluss und noch nicht mal einen Laptop. Ich war viel unterwegs. Das war immer schwierig und man konnte nicht – wie heute – mal schnell in so ’n Schiet-Internetcafé. Internet gab es einfach noch nicht so flächendeckend.

Für junge Menschen muss das unvorstellbar klingen.
Stimmt. Dabei war die Technik gar kein Problem. Ich musste erst einmal die Zeit dafür finden. Ich habe anlässlich eines neuen Albums von uns angefangen, zu bloggen. Und damals haben wir viele Interviews gegeben, hatten viel zu organisieren, weil wir als Band noch immer sehr viel selber machen. Dann kamen Reisen dazu, Fernsehauftritte, Radiogeschichten. Aber ich fand den spontanen Charakter des Internets einfach interessant. Also fing ich an.

War es eine Überwindung einfach los zu schreiben?
Das ist ja für einen Romanautor nicht so schwierig. Aber es ist interessant gewesen, dass das Geschriebene direkt veröffentlicht wird. Bei Romanen schreibt man vier oder fünf Versionen, man überarbeitet das alles und feilt an den Texten. Wenn man bloggt, ist es gleich im Internet. Dann ist Ruhe im Schiff.

In den Texten zählen sie Organisationen auf, in denen sie Mitglied sind, und berichten über orthopädische Schuhe. Man könnte meinen, es gehe um Belangloses?
Ja nun, Belanglosigkeit ist ein schwieriges Wort, das auf den ersten Blick unglamourös wirkt. Aber als Künstler beschäftigen wir uns mit dem, was wir erleben und was uns umgibt. Und ich habe immer auf Trash-Charaktere gesetzt. Zu Beginn habe ich oft als Betrachter nach Bedeutung von Dingen gesucht. Das hatte etwas von Tagebuch. Im zweiten Teil der Textsammlung werden die Gedanken aber immer übersteigerter, wahnhafter, seltsamer. Es wirkt so, als würde ich verstiegene Wahnideen aufschreiben – das passt zum Internet.

Wahnideen. Tut das einem Buch gut?
Das Buch wird zunehmend bescheuerter. Aber es soll ja auch Spaß machen. Es geht doch auch um Unterhaltung. Die Leute sollen lachen dürfen.

Hatten Sie sich eigentlich vorher überlegt, für wen Sie bloggen? Wie sieht ein Sven-Regener-Blog-Leser ihrer Meinung nach aus?
Ich glaube, so etwas gibt es nicht. Und man kann sich darüber auch keine Gedanken machen, weil jeder Mensch ein Individuum ist. Man weiß nur eins: es wird gelesen. Aber das kann kein Kriterium fürs Bloggen sein. Es ist wie in der Kunst. Es zählt nur, was man selbst spannend findet.

Im Buch kommt ziemlich schnell die fiktive Gestalt Hamburg-Heiner dazu, mit dem Sie immer wieder Dialoge führen. Wie kam es zu diesem Sidekick und darf man ihn überhaupt so nennen?
Darf man. Da hat er keine Wahl. In gewisser Hinsicht existiert er ja auch nur, wenn ich blogge. Er wird einfach gebraucht. Am Anfang habe ich ihn genommen, damit etwas passiert. Ich bin nicht der Typ, der seinen Alltag im Netz abbildet. Und ich bin auch nicht der Typ, der meint, dass alles wichtig ist, was man macht. Außerdem kann Heiner manchmal gut aus Situationen herausführen. Er ist ein Handlungsbeschleuniger, wenn ich einen Gedanken abbrechen will. Er schlottert mich dann da raus. Zudem brauche ich ihn für die Kunst. Oft sind die Gespräche mit ihm nur ein Ringen um die Frage: Was macht man da eigentlich?

Diese Frage kennt man aus ihren Büchern. Wem ähnelt Heiner mehr: Karl oder Herrn Lehmann?
Wenn, dann ist Heiner so eine Karl-Type, auf gewisse Weise scheint er sehr in sich selbst zu ruhen. Außerdem kann er zu allen Dingen etwas sagen und will auch etwas sagen. Er hat diese harte Herzlichkeit.

Manche Rezensenten bemängeln fehlende private Details. Obwohl man viel über die Band und Sie erfährt, bekommt man keinen wirklichen Eindruck von den Musikern und ihnen. Absicht?
Ich komme aus Bremen. Bei mir gehen bei dem Wort Tagebuch die Warnleuchten an. Das ist eigentlich nicht mein Ding.Tagebuch heißt nicht umsonst auf Französisch journal intime. Es ist Privatsache. Auf der anderen Seite gibt man als Künstler immer ein Stück preis. Aber da entscheidet man zumindest welche Dinge.

Das heißt, Sie lassen immer nur einen kleinen Blick auf sich zu?
Das heißt, dass manche Dinge im Buch wahr sind und manche nicht. Und manchmal sind die unwahrscheinlichsten Dinge wahr. So hat tatsächlich Hamburg-Altona zu Österreich gehört.

Echt?
Ja! Das glaubt in Hamburg keine Sau. Ich habe das mal bei „Inas Nacht“ erzählt, da wurde es ganz still.

Natürlich haben wir das nachrecherchiert. Regener hat recht:
http://www.altona.dk/geschichte/

Das Tolle am Web 2.0 ist ja eigentlich, dass man alles kommentieren und bewerten kann – eine große Feedbackmöglichkeit für den Autoren. Sie lesen laut Buch nicht mal die Kommentare zu ihren Einträgen. Warum nicht?
Kein Künstler will Feedback. Künstler wollen Lob. Man kann sich ja mal einen Fan vorstellen, der Vincent van Gogh trifft und so was sagt wie: Hallo Herr van Gogh, versuchen Sie doch mal etwas weniger Gelb! Das nutzt doch nichts. Niemand will Künstler haben, die man belabern kann.

Haben Sie schon einmal getwittert?
Ich habe so neulich ein Interview gemacht – ich war zu langsam. Aber das muss nichts heißen. Twittern ist eine Neigungsfrage wie Minigolf. Der eine macht es gern, der andere nicht.

Es gibt einen Facebook-Account von Sven Regener. Sie gefallen mehr als 6000 Menschen. Macht sie das stolz?
Echt? Das gibt’s? Ich habe mich da noch nicht registriert. Was steht denn da?

Zum Beispiel wer Sie sind.
Dann war das vermutlich der Verlag. Damit da kein anderer etwas reinschreibt oder sich als Sven Regener ausgibt. So was gibt es ja.

http://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=222278611118613&id=100000094283303&ref=notif&notif_t=feed_comment#!/pages/Sven-Regener/105470629487422

Hamburg-Heiner verbietet im Buch das Bloggen über Bahnfahrten. Gibt es Tabus, die Sie vor dem Schreiben aufgestellt haben?
Nein, eigentlich nicht. Ich brauche mir da auch nichts zu verbieten. Aber jeder, der schreibt, sollte sich überlegen, ob er ausgelatschte Pfade noch einmal auslatschen will. Das ist auch ein Kolumnistenproblem. Bahnfahrten und Taxifahrten werden immer gern genommen. Es sind typische Aufhänger, äußerst langweilige Aufhänger, aber man kann ja machen, was man möchte.

Kann man Blogeinträge eigentlich einfach so vorlesen?
Kann man schon machen. Man muss ein Gefühl dafür kriegen. Und bis jetzt hat sich keiner beschwert. Es sind sehr lustige Abende.

Sie kommen nun auch nach Hannover. Gibt es noch Aufzeichnungen über die Leinestadt in Ihrem Blogarchiv?
Da bin ich mir nicht sicher, da müsste ich nachschauen. Ich habe nicht immer alles einheitlich aufgeschrieben. Aber Hannover trage ich natürlich im Herzen.

Wenn Sie auf Lesetour nach Hannover kommen, könnten Sie neue Aufzeichnungen anlegen.
Nein, das habe ich mir dann doch verboten. Bloggen über Touren, bei denen man aus Blogeinträgen über Touren vorliest, ist eine Überdrehung der Schraube. Das geht nicht.

Nicht mal im Internet?
Ich mach das jedenfalls nicht.

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