09. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: die Echse

Weiter gehts. Neben Konzertrückblicken, Presseschauen und anderem lesenswerten Krempel wollen wir in der Rubrik „Beatpoeten treffen“ interessante Menschen vorstellen, die wir spannend finden. Diesmal ist es nicht mal ein Mensch – sondern ein Reptil. Los geht’s.

Heute: Michael Hatzius und die Echse


Herr Hatzius, Ihre Puppe namens Echse ist ein ziemlich arroganter Zeitgenosse, der nicht unbedingt durch Freundlichkeit auffällt. Sie hätten sich auch einen niedlichen Bühnenpartner suchen können. Warum musste es unbedingt ein Ekel sein?
Hatzius: Ich habe nach einer Figur gesucht, die schon alt ist, vieles gesehen und somit einen großen Überblick über die Dinge hat: die Echse. Solche Charaktereigenschaften können zu einem gewissen Überlegenheitsgefühl führen, das dann vielleicht hier und da „eklig“ ist. Ich empfinde die Echse nicht so, auch wenn ich Einiges von ihr einstecken muss. Die Echse scheint auf der Bühne ein Eigenleben zu führen.

Teilen Sie ein eher partnerschaftliches Bühnenleben, oder haben Sie es schon aufgegeben, Einfluss auf die Echse zu haben?
Hatzius: Ich bin tatsächlich gut beraten, die Dinge an die Echse abzugeben. Sie macht im Prinzip ja alles alleine, ich stärke ihr dabei lediglich den Rücken.

Dann fragen wir die Echse selbst: Was haben Sie zum Vorwurf der gelebten Unfreundlichkeit zu sagen?
Echse: Arschloch!

Kann es sein, dass Sie ziemlich oft schlechte Laune haben?
Echse: Pass auf, ich habe keine schlechte Laune. Ich bin einfach seit Millionen Jahren dabei. Wie Du Dir vielleicht vorstellen kannst, wird es zunehmend schwieriger, für jeden sich wiederholenden Mist eine riesige Begeisterung zu empfinden.

Für was können Sie sich denn begeistern, und über was können Sie noch lachen?
Echse: Menschen und ihre Unfähigkeit zu Kommunizieren.

Wie empfinden Sie die Zusammenarbeit mit Herrn Hatzius?
Echse: Schwitzig und feucht. Er spuckt mir in den Nacken. Zum Transport werde ich in eine dunkle Kiste ohne Fenster gesteckt. Ich arbeite mit ihm zusammen, weil ich keine Beine mehr habe und somit nicht Auto fahren kann. Außerdem fehlt mir die rechte Hand, die braucht man aber für den Bürokram. Er erledigt diese Dinge relativ zuverlässig. Ich dulde seine Präsenz gezwungenermaßen.

Woran kann er noch arbeiten?
Echse: Am Äußeren arbeiten wäre gut, schließlich sitzt er direkt hinter mir, und es nützt die schönste Blumenwiese nichts, wenn dahinter eine Kläranlage steht.

Herr Hatzius, in welchen Momenten des Alltags wären Sie gern selbst die Echse?
Hatzius: Niemals. Wir sind beide sehr unterschiedlich. Es tut mir immer ein wenig weh, wenn Leute mich als „die Echse“ ansprechen, auch wenn es nett gemeint ist. Ich bin keine Mutation, sondern ein Puppenspieler. Zu André Rieu würde auch keiner „Hallo, Geige!“ sagen.
Echse: Ihr habt doch ’ne Meise, alle beide. Was ist denn das für ’ne Frage? Manchmal hab ich echt das Gefühl, ich hab’n Tinnitus im Auge, ich seh nur Pfeifen.

Werden wir philosophisch: Ist die Echse eine Art Symbol für all das, was wir uns nicht trauen auszusprechen?
Hatzius: Es gibt ja kein „Wir“. Jeder einzelne Zuschauer nimmt etwas Anderes aus den Vorstellungen mit, jeder nimmt die Echse anders war. Genau genommen entsteht die Figur ja erst in den Köpfen der Zuschauer. Da spielen auch Projektionen rein, denn man sieht natürlich auch sich und seine Gedanken und Erfahrungen gespiegelt. Fakt ist, die Echse ist mit ihrem hohen Alter und Erfahrungsschatz eine Art Instanz. Sie ist keiner sozialen Verantwortung unterworfen und spricht, was sie denkt, offen aus. Da findet sich mancher wieder.

Spielen wir ein Spiel mit der Echse. Ich beschreibe eine Situation, die Echse gibt einen Kommentar dazu ab. Es geht los: William und Kate heiraten.
Echse: Schade drum. Aus der Kate hätte ich noch was Bedeutendes gemacht.

Lena singt erneut beim Eurovision Song Contest.
Echse: Sollte sie verheizt werden, dann nehme ich sie durchgebraten.

Die Echse trifft auf Crocodile Dundee.
Echse: Erstmal quatschen. Sollte er aggressiv werden, gibt’s natürlich aufs Maul.

Die ewig rauchende Echse trifft den Gesundheitsminister, und dieser macht sie auf die Gefahren des Rauchens aufmerksam.
Echse: Ich mache ihn auf seine Parteizugehörigkeit und die Bedeutungslosigkeit dieser Partei aufmerksam. Dann rauchen wir zusammen.

Hat die Echse eigentlich künstlerische Vorbilder? Es gibt schließlich andere berühmte Handpuppen.
Hatzius: Nein, die Echse ist ja seit dem Urknall dabei. Vorher war nichts, woran man sich hätte orientieren können. Aber als ich angefangen habe, an dem Charakter, am Gestus zu arbeiten, gab es schon das eine oder andere menschliche Vorbild aus meinem Bekanntenkreis.

Was halten Sie von Kermit, dem Frosch?
Echse: Bewundernswert, dass er sich so lange oben hält. Aber diese ständige manische gute Laune und das exaltierte Gehüpfe können nicht gesund sein. Ich vermute, da sind Drogen im Spiel.

Miss Piggy?
Echse: Ein Schwein wird an der Seite eines Frosches immer abstinken.

Puppenspiel galt lange als albern und unmodern. Nun erobern Sie mit der Echse, Sascha Grammel mit Schildkröte Josie oder Rene Marik mit seinem Maulwurf die Kulturbühnen. Woran liegt die neue Lust am Puppenspiel?
Hatzius: Es gibt ja seit Langem künstlerisch sehr hochwertiges Puppentheater, insbesondere in Ostdeutschland. Jährlich kommen von der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch etwa zehn neue Puppenspieler mit sehr interessanten künstlerischen Angeboten auf den Markt, und das seit den siebziger Jahren. Auf der Seite der Macher ist die Lust am Puppenspiel nicht neu, aber es ist erfreulich, dass endlich die Zuschauer und die Presse mehr und mehr Kenntnis davon nehmen.

Was sagt eigentlich die Echse zu Schauspielern, die sich auf das Puppenspiel spezialisiert haben?
Echse: Ich selber lehne Puppenspiel komplett ab. Vermutlich sind das aber schlaue Leute, die die Zeichen der Zeit erkannt haben. Möge Gott ihnen Talent mitgegeben haben.

Welchen Gesichtsausdruck würden Sie einer Hatzius-Puppe verpassen?
Echse: Du solltest lieber mal seinen Gesichtsausdruck sehen, wenn ich mit seiner Puppe abziehe, haha.

Warum muss man sich dringend Ihre Show ansehen?
Hatzius: Es ist ein volles Programm, das viel mehr enthält als nur die Echse. Da sind auch zwei Schafe, ein Huhn, ein Krokodil, eine Kobra, zwei Spinnen und vieles mehr. Ich selbst spiele den Brandschutzbeauftragten Jens Schirner. Es wird viel mit dem Publikum interagiert und improvisiert, so ist jede Show einzigartig.
Echse: Ich bin dabei.

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