04. Mai 2011 – Köln – St. Pauli Bar

„Was trinkst du?“ Hier in der Sankt-Pauli-Kneipe in Neustadt-Nord gibt es zwar auch Bier aus Hamburg, aber dort trinken wir sowieso kein Astra oder Holsten oder irgendeine andere Touristenplörre. Und außerdem: Bier darf nicht reisen.

Also gibt es Kölsch. Das haben wir nach dem Blick in die sogenannte Künstlerwohnung auch nötig. Die Liebesschaukel sei zwar gerade abgehängt, aber das Rot und der Plüsch hauen einen sofort um. Original Sankt-Pauli-Gefühl eben.

In Köln steht die Kneipe mit ihrem Konzept für sich. Neustadt-Nord ist herrlich ungentrifiziert und doch kölsch-charmant. Die Bars mit den Regenbogenflaggen haben ihren Zwist mit Düsseldorf kurz vergessen und sich für Lenas zweiten Auftritt dort Mitte Mai zurecht gemacht. Nebenan gibt es Bilder von Wasserfällen und Einhörnern, dazu Shisha-Kohle und grellbunte Koffer aus Plastik zu kaufen. Vollverschleierte Muttis warten hinter schmusenden Männerpärchen am Pide-Stand, Hipster-Mädchen mit riesen Kassengestellen fahren ihre Fixies an den unzähligen Limousinen vorbei. Irgendwer hört laut Gabba, und die Ausstellung zu Tutenchamun wirbt großflächig.

In der Kneipe ist fast niemand wegen unseres Auftritts da. Ein Tisch tauscht sich über Beziehungsfrust aus, ein paar andere wollen das Halbfinale der Champions League sehen, wieder andere haben ganz andere Gründe, hier zu sein. „Mittwochs ist hier immer Swingertreffen“, klärt uns unsere Gastgeberin auf. Also schnell rauf auf die Bühne.

Egge improvisiert Lieder von De Höhner, schimpft auf Lukas Podolski, singt alte Echt-Lieder, und der Haufen netter Menschen, der sich doch vor der Bühne versammelt, klatscht brav, johlt ein wenig und schnipst mit den Fingern. Als sozialpädagogisches Lyrik-Projekt haben wir wohl alles richtig gemacht

Später verliert Schalke gegen Manchester, auf einem Bauwagenplatz wird uns über die Heroin-Szene Kölns berichtet, und wieder später sitzen wir im Taxi zum Bahnhof. Egge lässt sich das Temperament kölscher Mädchen erklären, bevor er mit dem Fahrer wieder De Höhner singt. „Mir lasse den Dom in Kölle, denn da jehörta hin.“

Im Nachtzug erkläre ich einem Russen die genaue Aussprache der deutschen Zahlen. Kurz darauf wache ich im niedersächsisch-westfälischem Grenzgebiet auf. Neben mir hat sich eine Gruppe Pendler rangeschlenzt. Die Rucksäcke wie Schulkinder auf dem Schoss, laut kaugummikauend. „Und, Was machst du so am Wochenende?“ „Ich muss auf eine Beerdigung von einer Kollegin. Also ehemalige Kollegin, die ist ja tot.“ „Krass. Kanntest du die gut?“ „Ne, aber der Chef hat gesagt, einer von uns muss da hin.“ „Wie kacke. Kennst du wenigstens ihre Familie oder so?“ „Ne, ich war mal mit der auf Dienstreise, da ist man sich ja schon näher.“ „Ja, aber wenn du da niemanden kennst, dann bringt das doch gar nichts. Ihr tust du damit ja auch keinen Gefallen mehr. Die ist ja schon tot.“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s