05. Mai 2011 – Beatpoeten treffen: Matthias Reim

Zeit für eine neue Rubrik. Ihr wisst, dass wir vom Schreiben & Musizieren leben. Und dabei treffen wir regelmäßig interessante Menschen. Davon berichten wir meistens in Zeitungen. Aber was eigentlich dabei passiert, steht dort meistens nicht. Ändern wir jetzt. In der neuen Rubrik „Beatpoeten treffen“. Und los.

Heute: Matthias Reim


Ja, wir haben das Lied mitgegrölt. Ja, wir hatten einen „Bravo“-Starschnitt von ihm. Ja, wir finden Herrn Reim spannend. Ende April war er in Hannover zu Gast. Im Hinterhof des Pressezentrums posierte er mit Rockerlederbändern an beiden Armen für die Fotografen. Was er nicht weiß: vor einer Stunde stand der Sänger von Sunrise Avenue auch an der Stelle – und etwa 20 Fotografen mehr. Macht nichts. „Auch einer“, sagt Herr Reim zu Egge und tippt auf Egges Lederband. „Ja, klar“, sagt Egge. Dann geht’s ins Büro.

Reim ist sonnengebräunt, etwas kleiner und dünner, als auf den Starschnitten, trinkt Wasser. Zu viel Kaffee auf der PR-Tour. Er lächelt viel, die Augen wirken entschlossen. Alles was er braucht, ist eine Steckdose für sein Handy.

Herr Reim, vor genau 20 Jahren haben Sie Ihr erstes Konzert in Hannover gespielt. Können Sie sich daran noch erinnern?
Das war in dieser Eilenriedehalle und richtig voll. Es war mitten im „Verdammt, ich lieb’ dich“-Rausch. Großartig.

Das Lied ist bis heute Ihr größter Hit. Dabei wollte es erst keiner haben …
Stimmt. Niemand wollte es veröffentlichen. Die Plattenfirmen und Radioanstalten lehnten ab. Jemand sagte zu mir, ich soll die Platte an die Wand schmeißen – vielleicht bleibt sie ja kleben.

Das Lied blieb kleben. Sie verkauften innerhalb von sieben Monaten zweieinhalb Millionen Alben. Der Song hielt sich 16 Wochen lang auf dem ersten Platz der Charts. Hatten Sie damit gerechnet?
Nein. Ich hatte zu dem Zeitpunkt schon einige Flops veröffentlicht und den Traum begraben, mit Musik erfolgreich zu sein. Als der Erfolg dann kam, war ich 32. Und plötzlich gab es „Bravo“-Starschnitte. Erstaunlich. Dabei ist viel erstaunlicher, dass ich 20 Jahre später noch da bin.

Und immer noch mit „Verdammt, ich lieb’ dich“. Können Sie das Lied noch hören?
Früher ging mir das Lied auf den Sack. Aber heute finde ich es geil. 65 Prozent meines Publikums sind unter 35 Jahre alt, und die flippen aus, wenn ich das Lied singe. Es hat Generationen vereint.

Warum kommen denn auf einmal so viele junge Leute zu Ihren Konzerten?
Keine Ahnung. Ich hab’ die mal gefragt, und weißt du, was die gesagt haben? Weil ich eine geile Sau bin! Die finden es toll, dass ich mit drei Messern im Rücken immer noch auftrete. Die mögen meine Texte. Es geht um die Liebe, die uns angreifbar macht, und um das Glück, das man sich nicht kaufen kann.

Sie spielen auf Ihre Schulden an, die sich Mitte der neunziger Jahre angesammelt haben. Ihre Karriere ging den Bach runter, Sie mussten Insolvenz anmelden. Wie ging es Ihnen damals?
Mehr Elend als acht Millionen Mark Schulden kann man nicht haben. Ich habe weitergemacht und bin vor zwölf Leuten aufgetreten. Ich war am Ende. Aber dann kam plötzlich das Publikum zurück.

Das Publikum hat Sie gerettet?
Ja, ich hätte nicht mehr weitergewusst. Mir drohte die Arbeitslosigkeit. Und plötzlich kam mein Lebenstraum zurück, die Alben gingen in die Charts, und ich wusste, es gibt wieder eine Zukunft.

Komisch, dieser Herr Reim. Er erzählt einfach drauf los. Wenn er geil sagt, meint er geil. Wenn er von Krise spricht, formt er seine Hände zu Fäustchen. Er gibt sich nicht die Mühe eine Rolle zu spielen. Er war der zu alte Teenie-Star, der seine Kohle verloren hat, weil er sich die Verträge nie richtig durchgelesen hat, die er unterschrieben hat. Man hat ihm böse mitgespielt. Er war kaputt. Und hat sich doch rausgekämpft. Dafür braucht es keine Rolle. Seine Managerin tippt auf ihrem Handy rum. Sie kann ihn eh nicht zügeln.

Warum hört man von all diesen Erfahrungen so wenig auf Ihrem Album „Sieben Leben“?
Doch, das ist da alles drin. In „Du bist mein Glück“ zum Beispiel.

Da singen Sie doch von einer Frau.
Die Lovestory ist doch nur der Träger. Es geht um Gefühle und eine positive Message: Es geht immer weiter!

Sie haben während der Insolvenz vor allem für Banken gespielt. Nun sind Sie seit einem Jahr aus der Insolvenz raus. Spielt es sich leichter ohne den Druck?
Ich bin entspannter. Ich genieße das Familienleben intensiver. Ich werde mein Haus ab- und meinem Bruder Geld zurückzahlen. Es läuft gut.

Sie könnten nach all dem Stress auch einfach aufhören?
Ich muss arbeiten. Und ich brauche den Druck. Ich werde das noch viele Jahre machen.

Gibt es denn noch einen Traum, den Sie sich als Musiker erfüllen wollen?
Ich will mit Ozzy Osbourne auftreten, ich bin der größte Fan der Welt.

Reim fällt wieder in seine Lieblingspose. Hände zur Faust. Muskeln anspannen. Die Lederbänder beben. Rock’n’Roll.

Ein Rockstarduett also. Ist es eigentlich schlimm, dass Sie immer noch als Schlagersänger gelten?
Ich liefere eine Rockshow. Das hat nichts mit den Flippers und Bernd Clüver zu tun. Irgendwann bekam ich das Schlagermal auf die Stirn. Das hat mich einst geärgert, heute ist es mir egal.

Auch Tom Astor und Peter Kraus sagen, dass sie keinen Schlager machen. Gibt es den Schlager eigentlich noch?
Der Schlager löst sich auf, seitdem die ganzen Shows aus dem Fernsehen verschwunden sind – und das ist gut. Früher mussten wir uns entscheiden. Wenn wir in der „Hitparade“ waren, wurden wir nicht mehr von „Wetten, dass …?“ eingeladen. Aber heute ist das anders. Keiner würde Peter Maffay mehr Schlagersänger nennen.

Aber die Fans in Hannover bekommen trotz Rockshow Ihre alten Hits zu hören?
Ja, auch „Verdammt, ich lieb’ dich“. Eine Reise durch 20 Jahre Matthias Reim.

Mit Botschaft?
Klar. Das Leben ist nicht immer nur Lust, aber es ist eine Party. Und ich werde immer wieder rausgehen, um sie zu feiern.

Reim strahlt, ganz zuversichtlich. Drückt Egges Hand, als würde er sich von einem Freund verabschieden. Dann geht er raus und fährt nach Braunschweig, der nächste PR-Termin. Nach fünf Minuten klingelt es im Büro. Die Managerin. Reim hat sein Handy vergessen. Im Hof strahlt er noch immer. „Danke, Kumpel.“


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