Presseschau fünf/zwanzigelf

Einfluss zu verkaufen
Die taz hat mal versucht, Werbung als redaktionellen Inhalt bei Tageszeitungen zu kaufen. Ein paar sind drauf reingefallen.

Im Rausch der Gefahr
Kerstin Holm schreibt in der FAZ über DJ Stalingrad, einem Künstler/Rebell aus Russland, der die dortige Regierung herausfordert.

Was treibt die Bundespolizei in Saudi-Arabien?
Ein ARD-Fakt über deutsche Polizisten, die im Auftrag des EADS Sicherheitsleute in Saudi-Arabien ausbilden.

Rettung der Welt: Was Sie sofort tun können
Zehn Schritte, mit Harald Welzer

Drive like an Egyptian
Unsere Freundin Joanna Itzek schreibt in der Taz über ihren abgefahrenen Roadtrip durch Post-Revolte-Ägypten.

 

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06. April 2011 – Nordstadt – Baukasten

Anfang der 1980er Jahre ging in Hannovers Nordstadt so richtig der Punk ab. Während sich um die Lutherkirche und dem Sprengelgelände Iros und Polizisten in den Haaren hatten, kämpften ein paar Meter weiter ein paar Menschen um die Idee eines neuen Wohnens. Direkt neben dem Nordstadt-Krankenhaus sollte das leerstehende Schwesternwohnheim umgebaut werden und zahlreichen von ihnen ein neues Heim bieten.

Nach langer Verhandlung war es dann so weit – der Baukasten wurde lebendig. Lange Jahre ging es – mal legal, mal nur geduldet – gut. Jetzt haben sich die Bewohner mit der Stadt und dem Krankenhaus auf den Kauf des Hauses geeinigt. Ein kleines, schönes Stück Stadtgeschichte ist also gerettet worden.

Am Mittwoch durften wir im dort in der Konzertreihe „Kiosk Royal“ spielen. Es war ein schöner Abend. Vielen Dank!

Island Teil 3

So. Nun ist es soweit. Egge ist auf & davon. In Island tanzt er mit Elfen um heiße Quellen und zieht auf Gletschern die Handbremse seines Bullis, einfach um zu schauen, was passiert. Und was hinterlässt er? Ja, die Sammlung der besten Auftritte von Isländern beim Eurovision Song Contest. So viel Entertainment war selten. Auf gehts:

Platz 1: Die aktuelle Nummer „Aftur Heim“ von Siqurion’s Friends. So sehen also die Hives auf der Insel aus. Die Beatles als Folklorepolka mit Krawatten. Und ja, am Ende gehts ne Oktave höher. Ich muss gerade an die Olsenbande denken.

Platz 2: Hera Björk (sic!) singt „Je Ne Sais Quoi“ und wiehl follow her emoschohn. Sehr geil. So hat man sich Island vorgestellt: eine Elfe mit roten Haaren entdeckt Eurodance und tanzt dabei im Nebel. Und stehen da im Hintergrund nicht schon wieder die isländischen Hives rum? Crassii feelän!

Platz 3: Oh ja, geil, geil, geil. Matze Reims Bruder tanzt mit Schürze und versiebtem Tribaltatoo mit 2Raumwohnung-Humpe in rosafarbener Abdeckplane. In Island hießen die 2000 August & Telma und sangen „Tell me“. Yes!

Platz 4: Ja, in Island trug man 1994 noch Schulterpolster und klang ein wenig nach Sandra. Aber hey, die hatten eine Insel-Meg-Ryan. Und das Lied taugt doch für jeden Disney-Film. Aber mal im ernst, das ist doch irgendwoher geklaut? PS: So stellen sich Isländer also Hochhäuser vor. Und hübsche Kette, Sigga.

Platz 5: 1993 ging mit Inga gar nichts. Cremekleid, Hundehalsband und Schlagerkeyboards der schlimmsten Sorte. Das ist hart. Dagegen macht Bohlen Jahrhundertplatten. Aua.

Platz 6: Okay, das ist der Geilste. Ein Typ namens Beathoven singt ein Lied namens Sokrates in dem er John Wayne auf Mark Twain reimt. Dazu trägt er den schönsten Anzug der Weather Girls und eine rosafarbene Fliege. Und bitte, der Text ist das beste aus der isländischen Eurovision Song Contest-Geschichte. 1988. Lalalalalala.

Platz 7: Das schönste an diesem Modedesaster ist gleich am Anfang zu sehen. Dieser Sänger mit der Riesenbuxe muss unter der Deko durchkriechen. Haha. The ICY group erinnert ein wenig an Leila K., die sich im örtlichen Streberpuff eine Band zusammengestellt hat, aber hey, wers tragen kann. 1986 war kein einfach es Jahr.

Platz  8: Stefán und Eyfi besangen 1991 Nína und ja, ich habs nur ausgesucht, weil ich es bemerkenswert finde, wie man ein violettes Stirnband einem Millionenpublikum präsentieren kann. Und singt da nicht Olli Kahn, als er nur bei Karlsruhe im Tor stand?

Platz 9: Island hat Lady Gaga erfunden, schon 2006 trat sie für die Insel an. Unter riesigen Wasserhähnen quietschte sie wie auf dem Grease-Soundtrack und zog sich langsam aus. Der sicherlich skurrilste und hohlste Auftritt Islands – aber hey, so schlecht sieht sie nicht aus, dear European Children. Am Ende wird sogar gebuht. Ts.

Platz 10: Zum Schluss singt Daniel 1989 nochmal mit Brustwarzenhose, Boy-George-Frisur und einem Musiker der Synthesizer aufm Flügel spielt.

Wahnsinn, mal schauen, welche Musikanten mir 2011 das Bier an den Tisch bringen. Und welche tatsächlich berühmt geblieben sind.

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06. April 2011 – Kauft Beatpoeten-Aktien


Quasi passend zum Thema: der Trailer zum großartigen Film „Unter dir die Stadt“

Als Musiker hat man unter anderem folgende Möglichkeiten, Geld zu verdienen:
– Lerne ein richtiges Instrument spielen und verbringe die Zeit, in der andere ihr Leben genießen, erst mit dem Üben, dann mit dem Abspielen von Klassik-, Schlager- oder Bierzeltliedern. Heinz Strunk beschreibt dieses Leben ganz gut in seinem Buch „Fleisch ist mein Gemüse“.
– Habe wahnsinnig viel Glück oder Pech (je nach Gusto) und spiele an dem einen Abend, an dem wirklich jemand von einer Plattenfirma/Booking-Agentur da ist, beziehungsweise lerne die richtigen Deal-Breaker kennen. Wenn ihr dann erstmal – natürlich gemeinsam – geklärt habt, wie die Corporate Identity eurer Band aussehen soll, geht es los mit Aufnehmen (Du verlierst meist sämtliche Rechte an deinen eigenen Liedern), Ausbessern (Es gibt immer jemanden, der besser Schlagzeug spielt, als dein langjähriger bester Freund in der Band), Mixen (Woah, was für ein Sound! Gut, dass auf Tour immer Halbplayback bzw. der Laptop mitläuft) und natürlich Aufhübschen (Design, Fotos, irgendwelche Texte, Online-Auftritte, Twitter-Scheiße). Am Ende bleibt zu hoffen, die Erwartungen der Aktiengesellschaft, beziehungsweise des Indie-Labels zu erfüllen. Meist ist nicht sonderlich klar, wer schlimmer ist.
– Schmeiß dein Instrument weg und hol dir einen Laptop, Ableton und irgendein Midi-Tool und nenn dich DJ, Produzent und Remixer. Einen Fuchs gibt es sicherlich, wenn du die fünf Stunden Best-of-Berghain-Remixe von Radiohead in der Hipster-Bar oder die Bravo-Hits auf der Studentenparty spielst. Denk immer dran: Nur weil du Lieder von anderen Menschen mit deiner Mouse auswählst, heißt es noch lange nicht, dass andere lachen dürfen, wenn du dich Künstler nennst!
– Die letzte Möglichkeit, die wir uns gerade überlegen: Mach deine Band zur Aktiengesellschaft: Haue 50.000 Berechtigungsscheine à 20 Euro raus – die Typen, die immer die Fotos, Videos und Aufnahmen für lau gemacht haben, bekommen einfach Aktien zum Vorzugspreis – und berufe eine regelmäßige Aktionärsversammlung. Vorbei die Zeiten, als du dich mit deinen Bandkollegen über die musikalisch-künstlerische Richtung gestritten hast – deine Aktionäre geben die jetzt vor. Schreibblockade? Deine Aktionäre wissen, was sie hören wollen. Weltschmerzen wegen all dem Schrecklichen in der Welt? Wenn deine Aktionäre nicht ihre zweistellige Rendite pro Quartal bekommen, wirst du erleben, was wirkliche Schmerzen sind. Und damit deine politisch-korrekten Freunde denken, es wäre ironisch, nenne es einfach Experiment oder Kunstprojekt, mit der du die Wahnsinnigkeit kapitalistischen Denkens aufdecken willst. Von wegen rein ins System und so.

Nachtrag: Nach diesem Blog-Entwurf von Herrn Carlos hat Herr Egge eine Nacht nicht geschlafen. Darf man das einfach? Nimmt das am Ende jemand ernst und fragt nach einer Kontoverbidnung? Was sollen wir mit den zu erwartetenden 60 Euro machen? Ne Art Improvisationsabend für Gesellschafter durchführen („Gib mir fünf Begriffe! Gib mir drei Instrumentvorgaben? Den Kochtopf mit dem Schneebesen streicheln oder zertrümmern?“)? Mhh. Herr Egge kommt da irgendwie nicht weiter und macht es wie die Politik und gründet mit Herrn Carlos demnächst eine Ethikkommission. Solange gibt es unsere Pladden bei den Konzerten und wir stellen Spendenquittungen für Applaus aus, wenn Ihr möchtet (anzügliche Angebote werden ggf. mit auszüglichen Gesten beantwortet). Soweit der Plan. Wer unbedingt Geld spenden möchte, unterstütze Initiativen von ausgestrahlt über Graswurzel.tv bis ai. Wir möchten nur ein wenig Eurer Liebe.

Island Teil 2

Okay, die Tagen werden länger, in Deutschland wird es wärmer, Zeit zu gehen, sonst wirds noch zu lauschig in der Wohlfühloase. Egge zählt die Tage bis zu seinem ersten Island-Trip und ärgert sich über seinen Bulli. Nach zwei kaputten Kupplungen, einer defekten Standheizung, einer 1600-Euro-TÜV-Rechnung ist nun die Benzinpumpe hin und der Motor eine Öl-Diesel-Schleuder, wobei unter all dem Dreck noch nicht klar ist, ob der Zahnriemen noch hält und ob nicht auch alle Zylinderkopfdinger einfach im Arsch sind. Nichts Neues von Herrn Bulli also. Jaja. Habe ja noch etwa drei Tage. Zeit sich abzulenken und Islandliteratur von Hernn Müller zu studieren. Die Erkenntnisse wieder zur Kenntnis. Wo sind die Elfen, wenn man sie braucht?

– noch heute suchen Wissenschaftler die Insel Frisland, die im 16.  Jahrhundert in Karten auftauchte, aber später nie gefunden wurde
– in Island gibt es mittlerweile wilde Kaninchen
– sie überleben indem sie sich an Heizrohre kuscheln und sich von Künstlern füttern lassen
– ein Künstler hat in Basel mal Köttel ausgestellt
– alle Isländer sind eigentlich Schriftsteller (nur schreiben sie nie wie es wirklich ist; eigentlich sind alle Isländer eher märchenhafte Lyriker)
– in der Mitte des Landes gibt es ein Tal, das ewige Jugend verspricht
– es gibt bis heute keine richtige Nationaltracht
– der schlimmste Vulkan heißt Hekla, was Haube bedeutet, weil er immer mit Schnee bedeckt ist. In alten Büchern vermuteten Europäer dort den Eingang zur Hölle
– Mäusen dienten auf Island lange Kuhfladen als Schiffe auf Gewässer.  Ihr Schwanz fungierte als Ruder
– während der Nazizeit nannten Isländer Hitler im besetzten Dänemark Hjalti – so konnten sie Witze machen ohne verfolgt zu werden
– der Nazi Rosenberg hielt Island für die Wiege germanischer Kultur
– bei einer Schlingensief-Performance brüllte 2005 Jonathan Meese immer Heil Hitler – Müller meint, Heil Hjalti wäre wirklich ein Skandal gewesen wie erhofft
– als Kohl aus Kostengründen das Goethe-Institut platt machte, eröffnete Müller ein privates Goethe-Institut. Auf dem Lehrplan: Zwergen-, Elfen- und Sexualkunde
– Steine mit verschiedenen Schichten heißen Trollbrot und Trollpralinen
– es gibt Gerüchte das APO-Kämpfer Kunzelmann gar nicht tot ist,  sondern in Island wohnt
– 1997 eröffnete auf Island das erste Penismuseum – ein Spanischlehrer stellt dort präparierte Penise von Säugetieren aus. Ja, dort gibt es auch einen Elfenpenis
– zum Schulabschluss tragen isländische Schüler Tierkostüme
– Isländer badeten bis 2000 nicht in ihrem Meer – ist es zu kalt. Nach einem Unglück hat’s ein Herr Fribporsson drei Stunden ausgehalten – ein Wunder. Er trug dann den Namen Robbenhaut
– im Jahr 2000 wurde eine Bucht mit Pumpen und Dämmen erwärmt
– mit dem Warmwasser werden auch Gehwege beheizt
– zur Schwulenparade Gay Pride feiern mehr Leute als beim Nationalfeiertag. Den ersten Gay Pride leitete 1999 Sigur Ros ein.
– den Gay Pride gibt es seit 2002 auch in Grönland – damals kamen 30 Teilnehmer
– das Nordlicht soll manchmal Geräusche mache: mal knistert es, mal klingt es nach rüttelnden Kaffeebohnen. Wissenschaftler sagen das geht nicht. Die Frequenzen sind nicht hörbar, aber das Hirn wird zum Arbeiten gezwungen und die Reflexe dort können als Knistern wahrgenommen werden
– der Kulturboom der Hauptstadt begann erst mit der Aufhebung des 100-jährigen Bierverbots
– einst wurden aus Kiemenknochen Klammern für Näherinnengesichter gebastelt, damit ihnen die Augen nicht zufallen
– die Isländer unterscheiden zwei Sorten Pickel: schwarze und weiße. Im Gegensatz zum Deutschen gibt es auf isländisch zwei Worte dafür: bola (weißer Mitesser) und filapensill, zu deutsch: Elefantenpinsel (weil Elefanten als schwarz gelten)
– bis heute gibt es keine Zugstrecke auf Island
– der Gewinner von Island-sucht-den-Superstar tourte nur ein paar Wochen rum, dann hatte er alle Diskos durch und fängt heute Schellfisch
– ein Traditionssport auf Island ist Glima, dabei versucht man den Kontrahenten umzuhauen und gleichzeitig am Gürtel festzuhalten – eine Art ringen als Tanz
– früher wollte niemand Seewolf essen, also wurde daraus Nouvelle Cuisine. Ein Tintenfisch mit Glubschaugen heißt heute Grenadier und ist ein Delikatesse
– um Eishaie zu fangen, nutzten Fischer früher in Rum getränkte Seehundköpfe
– 54,4 Prozent der Isländer glauben an Elfen
– Elfen leben etwa 150 Jahre hinterher und entdecken gerade die Eisenbahn
– Elfen sind Anhänger der Monarchie
– statt einem Weihnachtsmann werden auf Island Weihnachtsmänner abgefeiert. Sie heißen Stöpsel, Quarkfresser, Fenstergucker, Kerzenschnorrer, Suppenschlürfer, usw. Und sind eher Punks
– die Grüne Partie entstand auf Island nicht aus Protest gegen Atomenergie sondern aus Protest gegen einen Stausee für ein Wasserkraftwerk
– Isländer halten Versprechen
– Elfen reden nicht, sie singen

Puh. Ich drück die Daumen. Ihr Lieben, alles wird gut*

Presseschau vier/zwanzigelf

Apokalypse jetzt!
Von einem Japan-Heimkehrer empfohlen und ebenfalls für gut befunden: Reinhard Zöllner in der Welt über die Doppelmoral deutscher Japan-Berichterstattung.

Klimawandel in der Politik
Philipp Gessler in der taz über den Fall der überheblichen Politiker und einem vermeintlichen Neuanfang.

Zivilisatorischer Ernst und Psychopathie
Peter Bürger auf Telepolis über Angst, Zuverlässlichkeit von Technik und die unversehbarkeit der Zukunft.

Wer bist du und wenn ja, wie viele?
Michael Moorstedt schreibt in der Süddeutschen Zeitung über den Semantischen Kapitalismus, den Google, Facebook und Konsorten uns aufzwingen.

Die neue Mikrigkeit
Eine Rezension in der Zeit über Robert Pfallers neues Buch „Wofür es sich zu leben lohnt“.

Nonsens ist ihre Waffe
Christian Helten auf Jetzt.de mit einem Artikel über die Hedonistische Internationale. Gruß an die Genossen!

Der Terror, den wir dulden
Nils Minmar in der FAS über die deutsche Position in Libyen. (Momentan noch hinter Pay-Wall.)

Datenschützers Albtraum
Im Freitag schreibt Stefanie Hardick über die Verleihung des Big-Brother-Awards und warum sich der Preisträger und Architekt der Volkszählung, Gert G. Wagner, nicht über die Ehrung freut.