Deutschland im März 2011

Die Konservativen trauern um ihre gefallene Lichtgestalt in Form von einem Freiherrn, der sich erst einen Doktortitel zusammenklaubte und dann log und nebenbei mit dem Hinterteil sämtliche bürgerliche Werte mit sich riss. Trotzdem jubeln die automatisch zusammengesuchten Freunde bei Facebook und der zuständige PR-Berater freut sich, dass viele Mainstream-Journalisten immer noch nicht verstanden haben, wie im Internet Geld zu verdienen ist. Dass bei den realen Demonstrationen im ganzen Bundesgebiet überwiegend Hedonisten und Feudalkommunisten Guttenbergs Rücktritt fordern, sollte nur am Rande interessieren.

In Baden-Württemberg werben die Parteien auf Plakaten mit „Menschen im Mittelpunkt“, „Unsere Heimat – unsere Zukunft“ oder „Alles für den Flughafen“. Die Landtagswahl wird wohl doch nicht über die Verlegung eines Bahnhofs entschieden, obwohl im Herbst 2010 noch die ganze Republik zusehen durfte, wie Alte und Schüler verprügelt, mit Tränengas zugesprüht und mit Wasserwerfern nass gemacht wurden. Die gleichen, die dieses harte Vorgehen damals begrüßten, empören sich Monate später über die bürgerkriegsähnliche Zustände in Tunesien, Libyen und Ägypten. Dass die dort benutzten Waffen und die Überwachungselektronik auch von deutschen Firmen geliefert wurden, verletzt wohl nicht die Gesetze gegen Auslieferung von Waffen an Diktaturen. Wer soll jetzt diese Absatzlücke dieses wichtigen Industriezweigs schließen?!

Die Automobilindustrie hingegen verweist auf die langen Wartezeiten in ihrer Produktion, auf der aktuellen Automesse in Genf sind keine Spuren der sogenannten Finanz- und Wirtschaftskrise zu spüren. Kurzarbeit? Abwrackprämie? Staatliche Unterstützung? Doch nicht bei diesen Rekordergebnissen.

Zivildienst und Wehrdienst werden abgeschafft, die Leiharbeitsfirmen freuen sich, und auch die Springer-Presse, die wohl als einziger Werbepartner für die Anwerbung von Bundeswehrrekruten in Betracht gezogen wurde. Ein Schelm, der denkt, dies wäre ein Geschenk des scheidenden Ministers. Vielleicht eher eine Anerkennung, dass der Verlag trotz bösem Internet und werbefreien öffentlich-rechtlichen Angeboten einen Rekordgewinn verzeichnen durfte. Aber viel wichtiger: Wer verteidigt Deutschland nun gegen die Massen von osteuropäischen Klempnern, die nach dem Fall des Arbeitsmarktschutzes alle armen Leiharbeiter den Job strittig machen. Gut, dass es da noch Leute gibt, die sich für einen Mindestlohn einsetzen.

Im deutsch-türkischen Kulturverein in dem kleinen Fachwerkdorf im Süden Deutschlands ist das alles hingegen egal. Aus der Anlage plärrt das Lieder eines übergewichtiger Hawaiianers, das wochenlang auf Platz eins der Charts stand. Zum Rest der Musik kann man durchgängig Discofox tanzen. Jerome, der mit seinen Anfang 20 immer wieder versucht mit Claudia zu tanzen, hat eigentlich nur eine Sorge: die Krise des FC Bayern München. Er versteht nicht, wie im Deutschland 2011 so ein Traditionsverein zu absteigen kann.

Serkan hingegen hat gute Laune. Seine 1,0 Abschlussnote in Wirtschaftswissenschaften, sein Job als leitender Angestellter mit Anfang 30, sein Dienstwagen, der Stolz seiner Eltern, alles war ihm egal, als er von einem auf den anderen Tag kündigte. Jetzt schlägt er sich mit Übersetzungen durch und will noch mal Geschichte und Religionswissenschaften studieren. Auch wenn die Jobaussichten in dem Bereich bescheiden sind.

Alle trinken gemeinsam Bier und lästern über die Regierung, über die Wirtschaft, über die religiösen Eiferer in Kirche und Moschee, über die Preise im Supermarkt, über die Gammelfleischmacher. Einer erwähnt Erich Kästners „Fabian“, dort könne man nachlesen, dass sich seit den 20er Jahren nichts geändert habe: Die Welt, jedenfalls die bekannte, geht immer unter. Wenigstens eine Konstante im Leben.

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