02. März 2011 – Ek ‚Way: Der Kosmos in uns

Diesen kosmopoetischen Text verfasste Infolf Ahlers, Politikprofessor im Ruhestand an der Universität Hannover. Alle Rechte bleiben bei ihm.
Wer mehr über dieses Thema lernen  und Ingolf Ahlers einmal persönlich erleben möchte, kommt am 8. April ab 15.30 Uhr zum Bildungsverein Hannover.

Nicht nur in der esoterischen Szene ist der angebliche Maya-Mythos vom Weltuntergang am 20. Dezember 2012 total in. Doch die Interpretation von der Weltzerstörung als Apokalypse oder gar als „Jüngstes Gericht“ ist so stark vom christlichen Gedankengut übermalt bzw. verschmiert, dass sie mit den spirituell-religiösen Vorstellungen und Einbildungen der Mayas – der „Maismenschen“ – wenig zu tun hat. Bis heute werden in den meisten Publikationen „weiterhin gänzlich falsche Darstellungen zu Weltbild und Religion der Azteken verbreitet, die vor hundert oder gar mehr als zweihundert Jahren frei erfunden worden sind…“ (Ulrich Köhler: Vasallen des linkshändigen Kriegers im Kolibrigewand, Berlin (LIT Verlag) 2009, S. 1)

Diese Feststellung von Köhler hat auch ihre volle Berechtigung für die Maya-Geschichte. Eine der religiösen Grundideen aller indianischen Hochkulturen Mesoamerikas (Olmeken, Mayas, Tolteken, Zapoteken und Azteken) ist die Anschauung, dass der Kosmos/das Universum im Namen unterschiedlicher Gottheiten mehrfach geschaffen worden ist. (Lehre von den  Weltzeitaltern). Und am 20. Dezember 2012 geht das Vierte Weltzeitalter, welches in der „Langen Zählung“ am 10. August 3114 v. u. Z. begann, nach 5126 Jahren zu Ende. Dieser Übergang zum Fünften Weltzeitalter ist aber kein Untergang, sondern eine Transformation. Freilich ist sie aber mit schweren Tumulten und Turbulenzen verbunden (politische Umbrüche und Machtverschiebungen sowie Naturkatastrophen), die sich als „kosmische Verdunkelungen“ ankündigen.

„Wanderer zwischen den Welten“ ­­–  so lautet die Grundformel des kosmischen Weltbildes der  Mayas. Erde und  Menschheit gehören zur galaktischen Ökosphäre, sind deren Beobachter und Teilnehmer.  Und als beobachtende Teilnehmer ist es ihre Aufgabe, als ‚Partner’ der Götter zur kosmischen Harmonie beizutragen. Die Beziehung der Mayas zu ihren göttlichen Geistmächten ist eine der wechselseitigen Reziprozität: Geben – Annehmen – Zurückgeben. Der Austausch zwischen den Mayas und ihren Gottheiten  bildet ein Gewebe, eine Geflecht aus gegenseitigen Gaben.

Mayas denken zyklisch und nicht linear wie wir. Dazu entwickeln sie eine regelrechte Zeitwissenschaft aus Astronomie, Mathematik (Erfindung der Null), Zahlenkunde und Kalendersystemen. Dabei wird nicht getrennt zwischen dem Heiligen und Profanen. Die Mayas waren sternenbesessen, denn wer die Bewegungen der Sterne kannte, der war Herr über die Zeit und somit mächtig. Was gerne übersehen wird, ist die Tatsache, dass für vormoderne Bauerngesellschaften die Sternenkunde Voraussetzung ist, um die überlebenswichtigen Agrarzyklen und vor allem die Regenzeiten zu berechnen. Die religiöse Aufladung, Beseelung und Belebung dieser Tätigkeiten geht von Anfang an damit einher. Die Maya-Wissenschaften beruhen auf magischen Erkenntnisstrategien, in deren Mittelpunkt Bewegung, Schwingung, Rhythmus und Resonanz stehen. Ohne kosmische Resonanz wäre der Mensch verloren und verwaist.

Dass momentan „alle Welt“ so auf den Maya-Faktor abfährt, liegt an dem Faszinosum, den Rätsel und Geheimnis umgeben. Haben die Mayas etwa irgendeine Idee erfunden, die als Merkmal der Geschichte von uns „übersehen“ wurde, die aber 2012 große Auswirkungen haben könnte? Fragen dieser Art bringen uns in Wallung, denn auch wir lieben ja die Mythen, wie ein kurzer Blick in die Werbung zeigt. Doch die Mayas gehen viel weiter: Sie sind fest davon überzeugt, dass es ein Entsprechungsverhältnis zwischen Weltall und menschlichen Psycho-Kosmos gibt, dass wir Träger eines Milchstraßenbewusstsein sind, was F. Nietzsche genauso gesehen hat.

Ausgangspunkt meiner Betrachtungen und Reflexionen sind die neuen Ergebnisse der Maya-Forschung, die da lauten: Kultur, Weltbild und Religion sind vom Schamanentum, vom Schamanismus durchdrungen wie auch bei Inkas, Tolteken, Zapoteken und Azteken. In der schamanischen Weltsicht ist der Kosmos dreigeschichtet: Obere Welt, mittlere Welt, untere Welt, und durch den kosmischen Lebensbaum, der Weltenachse sind sie miteinander verbunden, so dass man in die Anderswelten reisen kann.

So wie der Maismensch ein Ereignis aus Energie, Bewusstsein und Information bildet, so auch das Universum, in dessen kosmischen Gezeitenströme er eingebettet ist. Und im Zentrum dieser Gezeitenstrudel befindet sich Ek ‚Way (sprich wei) der „Schwarze Umformer bzw. der Schwarze Traumplatz“, die schwarze Leere der Milchstraße. Diese Vorstellung ist auch deswegen so umwerfend, weil wir heute wissen, dass jede Galaxie im Zentrum ein schwarzes Loch besitzt.

Wenn wir uns nun die Frage stellen, auf welcher „vorstellenden Einbildungskraft, (F. W. Hegel) auf welchen Bewusstseinszuständen dieses Weltbild beruht, so kenne ich nur einen, der mir da weiter geholfen hat, nämlich Friedrich Nietzsche. Der spricht in seiner „Fröhlichen Wissenschaft“ von einem Milchstraßen-Bewusstsein und -gefühl: „Wer in sich wie in einen ungeheuren Weltraum hineinsieht und Milchstraßen in sich trägt (= Pyscho-Kosmos, I. A.), der weiß auch, wie unregelmäßig alle Milchstraßen sind; sie führen bis ins Chaos und Labyrinth des Daseins.“ (Friedrich Nietzsche: Werke in drei Bänden. Hg: Karl Schlechta, München (Carl Hanser Verlag) 1973, S. 187)

Ich bin auf diese Aussage gestoßen, als ich mich daran gemacht habe, Nietzsches Zarathustra im Rahmen einer Vorlesung an der Uni Hannover als eine schamanische Traumreise und Visionssuche zu interpretieren. Im kosmischen Bewusstseins der Mayas besaßen auch die Götter ( = vergöttliche Ahnen) ihren way, ihren Schutzgeist. Way bedeutet einerseits träumen, schlafen, sich verwandeln, zaubern, verhexen und bezeichnet andererseits das Schutztier oder den Schutzgeist des Menschen, der ihn als sein Schicksalsdoppelgänger, sein Alter Ego, als sein „spiritual soll companion“ ein Leben lang begleitet.

1989 gelang es Maya-Forschern, die Glyphe way zu entschlüsseln. „Und da war es auf einmal, das Zeugnis in Maya-Schrift, die Glyphe für den Begriff Schamane, welche die alten Maya-Schamanen auf Jenseitsreise oder als Verkörperung der Schutzgeister zeigte.“ (Linda Schele/David Freidel: Die unbekannte Welt der Mayas, München (Bertelsmann) 1999, S. 26) Diese Traumreisen sind gedankliche Unternehmungen und keine realen Weltraumreisen, wie von Däniken immer meint. Für die Priesterschamanen der Mayas war das (geistige) Wandern zwischen den Welten und die Teilhabe an den kosmischen Resonanzen der Weg, der zu den Toren verborgener Wirklichkeiten führt. Quantentheoretisch gesprochen, ist Ek ‚way der Ereignishorizont, jener ‚Rand’ eines Schwarzen Loches, jener Ort unendlicher Dichte, wo alles auf die Große Null zusammengepresst wird, wo die Dichte der Materie und die „Krümmung“ (A. Einstein) der Raumzeit unendlich werden.

Ek ‚way ist der Ort aller Verwandlungen, aller Verkrümmungen – auch und gerade des Bewusstseins – und aller ultimativen Ereignisse. Aufgrund meiner schamanischen Praktiken ist für mich Ek ‚way der Ort des dunklen Leuchtens. Hier im Herzen des Kosmos begegnet den Schamanen auf ihren Geistreisen die große Weiße-Knochen-Schlange. Die kosmische Weltsicht der Mayas sagt dasselbe wie die moderne Quantentheorie: Das Universum ist Bewusstsein und Information und als Sternenstaub sind wir eins mit ihm: „Unser Schicksal ist eng verknüpft mit dem der Sterne, Kometen und Meteoriten, sie alle eingetaucht in ein Meer aus Strahlung, die zum Teil am Anbeginn aller Zeiten entstanden ist.“ (Richard Fortey: Leben. Eine Biographie. Die ersten vier Milliarden Jahre, München (C.H. Beck) 1999, S. 66)

Um zum Ek ‚way zugelangen, besteigen die Schamanen das „Kanu des Lebens“ und werden von den beiden uralten Paddlergöttern Alter Stachelrochen und Alter Jaguar zum Zielort gebracht. Die beiden Paddler symbolisieren den fundamentalen Gegensatz von Tag (Stachelrochengott)  und Nacht (Jaguargott).  (vgl. Schele/Freidel, S. 483) Und hier am Ek ‚way treffen sie auf die Gottheiten der Verwandlung und Bewegung.

Für das kosmische Denken der Mayas gilt dasselbe was Heinrich Zimmer 1937 in seiner brillanten Studie „Philosophie und Religion Indiens“ geschrieben hat: Das „Grundprinzip ist, dass Vervollkommnung nicht etwas von außen Hinzugefügtes oder Erworbenes (wie in der westlichen Kultur, I. A.), sondern das Eigentliche, das immer im Innern als Möglichkeit bereit liegt und die letzte Wirklichkeit des Individuums ist. Deshalb ist das passende Gleichnis für die indische (und die Maya, I. A.) Auffassung vom Vollendungsprozess nicht der Fortschritt,  das Wachstum, die Entwicklung oder die Ausbreitung nach außen, sondern die Sammlung nach innen, das Zurückziehen in sich selbst.“ Es geht also darum, dasjenige ins „Bewusstsein zu heben, was schon immer schlafend und ruhend (way-Konzept) im verborgenen Zustand als zeitlose Wirklichkeit des Seins wartet.“ (S. 485)

Auch hier leuchtet die Idee des Psycho-Kosmos durch. Und um diesen Bewusstseinszustand einer Zweiten Wirklichkeit und eines nicht alltäglichen Lebensgefühl zu erfahren, bedienten sich die Mayas der Visionssuche unter Zuhilfenahme von Blutentnahme und Aderlass sowie von Pilzen und Peyote. Das tropfende Blut wurde in mit Baumwolle ausgelegten Schalen aufgefangen und dann mit Weihrauch gefüllt und angezündet. Dicker, schwarz-weißer und öliger Rauch steigt auf, die Visionsschlange erscheint und nun öffnen sich die Pforten der Macht zu den vergöttlichten Geistmächten. Bei meiner Initiation in Tepotztlan (Mexiko) war es Kaninchenblut, das die Tore zur Zweiten Wahrnehmung aufgestoßen hat.

Zusammenfassend ergibt sich ein unglaubliches kosmisches Vorstellungsbild im Maya- Bewusstsein  Die Geistmächte, Ahnen und Götter blicken über den Rand des Ereignishorizontes auf die Menschheit. Es scheint so, als ob die Anderswelten des Schwarzen Traumplatzes vor der Entstehung von Raum und Zeit, vor dem Urknall einfach schon da sind. Das erinnert an die modernen Theorien vom Multiversum. Ein galaktisches Gewebe aus rotierender Zeit in Zyklen von kosmischen Wiedergeburten ( = „Babyuniversen“) mit vielen lokalen und kleinen Big Bangs, eine Art ständiger Urknallerei von stellaren Blasen im kosmischen Schaum. Die Ereignisse jenseits des Horizonts haben bei uns Menschen den Namen Schwarze Löcher erhalten. Zwischen ihnen und ihrer jeweiligen Heimatgalaxis besteht eine Symbiose. Sie geben sich gegenseitig Schutz.

Bringen wir es kosmopoetisch zu Ende: Damit überhaupt etwas geschieht und passiert, bedarf es eines Universums. Raum und Zeit sind gekrümmt, aufgewickelt und gefaltet in einer Mehrdimensionalität, genauso wie die Stirnlappen deines Gehirns. So bist du verbunden mit dem Universum. Und am Ek ‚way befindet sich das Herz der verborgenen Gravitation, jener große Attraktor der alles zu sich zieht und der die Seele des Universums ausmacht. Ek ‚way ist die schwarze Leere der   Milchstraße, der „Weißen Wolkenschlange“. Und das Aufrichten der kosmischen Lebensbaumes (axis mundi) setzte jene Urbewegung in Gang, die den Beginn der Zeit ankündigt.

Es heißt, und es ist wahr, Gravitation ist Bewusstsein, Bewusstsein ist Gravitation. „Wenn wir unsere vorgefassten Meinungen über die Bewegungsrichtung von Ursache und Wirkung umkehren, erhalten wir einen großen Attraktor, der alle Organisationsformen und Strukturen über mehrere Milliarden Jahre zu sich hinzieht.“ (Rupert Sheldrake/Terence McKenna/Ralph Abraham: Denken am Rande des Undenkbaren. Über Ordnung und Chaos, Physik und Metaphysik, Ego und Weltseele, Bern, München, Wien (Scherz-Verlag)  1993, S. 26.)

Doch je schneller das Universum auseinander fliegt, was es seit 5 Milliarden Jahren tut, umso mehr beschleunigt sich zugleich unsere kosmische Einsamkeit. Um mit dieser Verlorenheit, angesichts der ungeheuren Weiten des Universums umzugehen, bedarf es der spirituellen Erkundungen des eigenen Weltinnenraumes, des Kosmus in uns.

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Zusätzliche Literatur
Petro Bandini: Der heilige Kalender der Mayas. Zeitmythos und Zukunftsprophezeiung einer geheimnisvollen Kultur, München (Heyne Verlag) 1998
Brian Greene: Der Stoff, aus dem der Kosmos ist. Raum, Zeit und die Beschaffenheit der Wirklichkeit, München (Pantheon) 2006
Nikolai Grube (Hg.): Maya – Gottkönige im Regenwald, o. O. (h. f.ullmann) 2006/07
Michio Kaku: Im Paralelluniversum. Eine kosmologische Reise vom Big Bang in die 11. Dimension, Reinbek (rororo) 2005
Christian Rätsch: Chactun. Die Götter der Maya. Quellentexte, Darstellung und Wörterbuch, München (Diedrichs Gelbe Reihe 57) 1998
Linda Schele/David Freidel/Joy Parker: Maya Cosmos: three thousand years on the shaman´s path. New York (William Morrow- Verlag) 1993

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