08. Februar 2011 – Warum wir dem Internet nicht mehr trauen.

Neulich postete Nerdcore diesen Artikel von Patton Oswalt im amerikanischen Wired. Kurz gesagt geht es darum, wie das Internet und die Kultur der Meme, des Remixings, des Samplings, sprich die Art, seit wenigen Jahren mit Kultur umzugehen, diese vielleicht selbst zerstören könnte.

Nicht nur, weil Marshal McLuhan („The medium is the message“) dieses Jahr hundert Jahre alt geworden wäre, haben wir auf einer unserer Zugfahrten mal genau darüber nachgedacht, wie wir als Privatpersonen, aber auch als Band mit dem Internet umgehen.


Ich bin kein Digital Native, ich kenne noch die Zeit, als man sich ohne Chatten unterhielt, ohne Facebook zu Partys einlud und ohne Pitchfork/16Bars etc neue Bands entdeckte. Es war eine Zeit, in der Informationen einen festen Wert hatte, gerade wenn es um das Wissen über die richtigen Bands, Partys, Bücher, Reiseziele, Essen ging – also eigentlich um das, was einen begeistern konnte. Durch das Internet habe ich persönlich die Chance bekommen, von dem doch relativ uncoolen geografischen Standpunkt meiner Jugend aus, die ganze Welt zu entdecken und Tausende Eindrücke zu bekommen, die ich ohne Netz niemals gehabt hätte. Und: Ohne Napster, Myspace, Wikipedia etc hätte ich nicht den Weg genommen, der mich mit einem Synthie und einem Haufen Gedichte bewaffnet auf verschiedene Bühnen des deutschsprachigen Europas gebracht hätte. Für viele Menschen meiner Generation war das Internet eine Spielwiese, mit scheinbar anarchistischem Fundament und großer Freiheit. Soviel also mal vorweg: Ich will das Internet definitiv nicht abschaffen oder darauf verzichten. Jules Vernes Kapitän Nemo zerstörte seine größte Erfindung, weil die Menschheit noch nicht bereit war, sie klug zu benutzen. Hoffentlich kommt es beim Internet nicht so weit.

Seitdem Wirtschaft und Politik aber nicht mehr nur unbeholfen, staunend und dümmlich beobachtend mit dem Netz umgehen, hat sich auch das geändert. Wenn die Aufgabe der Wirtschaft seit Menschengedenken eigentlich war, Mangel durch Handel zu begleichen, kann das Internet wohl als bisheriger Höhepunkt der menschlichen Ökonomie bezeichnet werden. Doch allzu theoriegesättigt lässt sich die ganze Chose sicherlich nicht mehr betrachten. Denn wie alle Bereiche der menschlichen Zivilisation ist auch das Internet inzwischen komplett auf Profitsteigerung und Verwertlichung ausgerichtet worden.

Nichts Neues eigentlich. Und auch nicht weiter dramatisch. Würde es mir persönlich nicht ungeheuer auf die Nerven gehen, auf verschiedenen Arten Inhalt bereitzustellen, dieses gerne auch gratis zu tun und trotzdem dabei das Gefühl zu haben, jemand anders profitiert schmarottzerhaft davon. Wir als Band leben weder von dem, was wir hier rein schreiben, noch sehen wir Geld davon, dass unsere Musik weitestgehend kostenlos zum Anhören zur Verfügung steht. Sicher, als Band auf unserer, doch recht unbekannten Stufe, profitieren wir auch eher davon, wenn sich die Musik wie von selbst verbreitet. Wenn sie es denn täte. Aber die Leute, die früher noch Musik im Netz entdeckten, hören sowieso entweder keine Musik mehr oder nur Techno; oder versumpfen alle im Erasmusjahr oder in Berlin und hätten sowieso kein Geld für Musik

Und mal ehrlich: Wer hat eigentlich etwas davon, wenn überall und jederzeit alles zur Verfügung steht? Wenn man immer alle Lieder, Filme, Geschichten, Freundschaften konsumieren kann? Stumpfen wir dadurch nicht irgendwann einfach ab? Und war die Aufgabe der Kunst nicht einmal, den Menschen Schönheit, Hoffnung, Liebe zu spenden, und nicht nur bloß für wenige Sekunden lang zu unterhalten, bis das nächste Video, der nächste Witz, der nächste Reiz zur Verfügung steht?

Als Jugendliche waren wir alle fasziniert von der Idee der „Matrix“, der künstlichen Welt, in der alles möglich ist. Inzwischen muss ich sagen, dass die dort simultierte Welt mit unserer sehr viel gemeinsam hat: Nichts scheint mehr einen Wert zu haben, alles ist austauschbar geworden. Musiker-Kollege Stefan Goldmann veröffentlichte neulich ganz ähnliche Gedanken dazu: Er sah ebenso die versprochene Demokratisierung durch günstigere Produktionsmittel und bessere Vertriebswege als gescheitert. Ein Weg, dieses Dilemma als Musiker zu umschiffen, liegt für ihn in der Nicht-mehr-Verfügbarkeit, also die Musik und das Erleben nur noch direkt mit dem Live-Auftritt des Musikers zu verbinden. Das sehe ich inzwischen ähnlich, nicht nur aus finanzieller Sicht.

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One thought on “08. Februar 2011 – Warum wir dem Internet nicht mehr trauen.

  1. Interessanter Gedanke, definitiv. Ich für mich sehe das Internet aus verschiedenen Blickwinkeln, aus den Augen eines 24-jährigen der das Internet doch schon seit den Kinderschuhen kennt, aus den Augen des Informatikers der ich bin und natürlich aus den Augen des Konsumenten, seien es jetzt Online-Shops, Umsonstmusik oder soziale Netzwerke.

    Ich denke die Vielfalt die das Internet bietet kann nur so vielfältig sein wie die Nutzer es zulassen, man schafft sich doch mit der Zeit seinen eigenen Filter, sieht sich nicht jedes gepostete Video an, liest nicht jeden Artikel. Speziell was Musik angeht finde ich es eine ganz tolle Sache, gerade um neues zu entdecken, allerdings muss ich sagen, dass ich die Bands und Künstler die mir wirklich wichtig sind immer nur live entdeckt habe weil das ganze „drum herum“ für mich sehr viel damit zu tun hat wie ich etwas bewerte und im Internet ist das nur „Plastik“.

    Vielleicht ist es wichtig sich zu überlegen was für Informationen und Reize man sich im Internet holt und welche in der echten Welt, für mich geht über ein echtes Konzert mit vielen Leuten gar nichts und viel lieber unterhalte ich mich mit guten Freunden abends bei einem Bier als über Facebook und co.

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