01. Februar 2011 – Warum es uns auf’s Dorf zieht

Mitte der neunziger Jahre wusste ich von der Welt nicht viel. Ich hatte gerade meine Maxi-CD-Sammlung von Ace of Base, Reel to Real bis 2 Unlimited möglichst unbemerkt in den Sondermüll verlagert, bekannte mich als Ostdeutscher im Hinterland Hannovers aus nostalgischen Gründen zu Henry Maske und Hansa Rostock und schnitt mir Löcher in die Jeans, um wie Kurt Cobain auszusehen. Kurze Zeit später war Kurt tot, Maske ein Gentleman und ich ging dann doch zu Hannover 96 – man müsste einmal ehrlich überprüfen, von wie vielen Fußballvereinen man im Leben so Fan war. Egal. Mit neuen Schulen, Freunden und Freizeitgetränken zog der Punk ins Vorstadtleben ein – und der spielte damals noch nicht im Stumpf, in der Kopernikus oder in der Sturmglocke. Der Punk tanzte viel mehr in einem Kaff namens Immensen-Arpke, zwischen Hannover und Braunschweig. In Immensen gab es einst den Sockenball, Kaffee und Kuchen im Naturfreundehaus Grafhorn (Hallo Helmi!) und sonst noch eine Exfrau von Gerhard Schröder. Sonst nix. Aber: Immensen bot immer noch mehr als der Stadtteil von Immensen namens Arpke. Dort wohnten zwar der Stefan und die Annette und es gab ne Feuerwehr und das Brauhaus Braul, (dufte Ballermannpartys!), aber sonst wirklich nur Hecken und ein paar Häuser dahinter. Doch mittendrin, hinter einem Stück Park und einer – nennen wir es optimistisch – Bushaltestelle tobte der Punk. Wände waren bekritzelt, es stank nach Urin, immer wieder schliefen Menschen vor Boxen ein. Sie trugen grüne Irokesenfrisuren, Nietenhalsbänder und tanzten auch zu zweit Pogo, wenn es wieder nicht so viele in die Punkprovinz geschafft hatten. Dorfpunks? Gegen Arpke hatte Rocko Schamoni einst ein Festivalleben in Schleswig-Holstein gefeiert. In Arpke wurde gefeiert wie beim Force-Attack nur mitten in der Pampa und mit etwas weniger Leute. Man pisste pubertär ins Waschbecken, kotzte zwischen die – nennen wir sie wieder optimistische –  Bushhaltestellenbüsche und ließ sich gegen Mitternacht vom Shuttle-Service (ein klappriger Audi Quattro) ins elterliche Kinderzimmer zurückfahren – nicht ohne seinen Armeerucksack mit „Kill’em all!“-Kreideschriftzug (dazu die Namen aus der Schulklasse!) in Arpe zu vergessen und die Pädagogen vor Ort am nächsten Morgen mit Anrufen (aus einer öffentlichen Telefonzelle – Muttern sollte das besser nicht mitbekommen) zu nerven. All das war Arpke: Haare mit Faschingsfarbe färben und am Morgen vor der Schule wieder auswaschen, kiffen ohne wirklich etwas in der Tüte zu haben, saufen, das zumindest richtig. Man konnte auch ohne Punk Pogo tanzen. Der Wille zählte. Und lieber Mambo Kurt, die geworfene Flasche tut mir heute noch leid – aber deswegen bricht man doch kein Konzert ab!

Folgende Bands haben einst den schönen Jugendtreff beehrt:

Baffdecks, Anschiss, Halbtrocken, Geistige Verunreinigung, Turbonegro, Eaten By Sheiks, Rantanplan, Hammerhai (Hey, Sölti!), N.O.E., Antikörper, Marky Ramone (JA! Der!), Steakknife, Die Asozialen Superhelden, US Bombs und unzählige mehr. Ich kann mich an Heiter bis Wolkig- und Terrorgruppe-Plakate erinnern (wen zur Hölle interessiert, ob die da wirklich jemals aufgetaucht sind?) und Wunschlisten an den Wänden. Und irgendwann, dachte ich mit meinen grünen, roten, blauen Haaren (Directions Haarfarben gabs noch in der Passarelle!), will ich da auch mal auftrefen.

Nun ja. Seitdem ist viel passiert. Auch in Arpke. Neue Leute, neue Farbe an den Wänden, und nach Urin solls auch nicht mehr so stinken. Dafür leisten gute Menschen dort etwas, das sich offiziell Jugendarbeit nennt. In Arpke hieß das immer schon Herzblut vergießen.

Und darum wollen wir mit Euch genau dort am 12. Februar feiern. Und haben mit Rosa Rauschen und Este & March vom Elektrischen Widerstand tolle Mitstreiter.

PS: Wie früher:

Shuttleservice um 19.05 vom BHF Arpke/Immensen und natürlich auch zurück! Aber da muss man erstmal hinkommen. Auf zum S-Bahn-Rave (zu dem wir nie offiziell aufrufen würden)!

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