09. Juli 2010 – Neubrandenburg – AJZ

Es ist schon komisch. Immer wenn wir in den Nordosten Deutschlands vordringen, um die Fusion zu besuchen oder um uns einfach an den Ostseestrand zu legen, schiebt Egge nen eigenartigen Film: Er erzählt dann von Asiaten, die dort den Dönermarkt bestimmen, von FDJ-Nachmittagen und von den Nazis, die in seiner Heimatstadt Eggesin nur noch die Glatzen genannt wurden. Es sind miese Geschichte, die mal einen ganzen Landstrich verteufeln, aber auch manchmal melancholische, in denen es dann um Papiersammelaktionen für den Sero-Altpapierhandel geht oder eben um die wunderschöne Landschaft: Mecklenburg-Vorpommern bleibt eben das Land der drei Meere: Sandmeer, Waldmeer, gar nichts mehr! Und trotzdem zieht es ihn immer wieder dorthin.

Am Wochenende fuhren wir ganz in die Nähe von Eggesin, der Hafenstadt Ueckermünde, den komischen Ortschaften namens Anklam und Pasewalk – nach Neubrandenburg. Und Egges Augen leuchteten, nicht nur weil der Taxifahrer ihm erzählte, dass es seine alte Disse „Holliday Inn“ noch gab. Hier kaufte er sein erstes Marken-T-Shirt von Wrangler, sah das erste Mal vierspurige Straßen und – Wow! – Ampeln! Und vieles war noch da im schönen Neubrandenburg, das einst als Großstadt mit 125.000 Einwohnern galt und nun nur noch 65.000 Menschen beherbergt. Einst war Neubrandenburg die jüngste Stadt der DDR. Jetzt macht jeder Jugendliche dort, dass er weg kommt, nach Hamburg oder Berlin.

Wie gut tut es da, dass sich in Neubrandenburg Leute fanden, die den schönen Landstrich nicht nur Rentnern und Nazis überlassen wollten: Sie übernahmen ein wunderschönes Ausflugslokal mit Sonnenschirmen und Strandzugang und machten daraus ein herrliches AJZ mit Schimmelpunkerkeller, Infoladen und ner Diskohölle. Und ZACK! passierte es wieder als wir ankamen: Man zeigte uns freundlich die Betten, gab uns leckere vegane Pizza und schickte uns baden – ein Traum! Im Osten geht die Sonne auf. Selten trifft man so nette Menschen, so entspannte Leute, so gastfreundliche Kämpfer für letzte Freiräume in der Pampa auf einem Haufen. Es gab Schnaps für die Rote Hilfe, Crust-Hardcore für die Nietenpunks und Lagerfeuer für die Hippies. Das Ganze wunderschön illuminiert, toll. Wir geraten ins Schwafeln: Es war schön. Punks tanzten Pogo zu unserem Elektroschranz, wir tanzten später zu Toxoplasma und Canalterror bei der Altpunkaparty und schliefen friedlich ein.

Vorher versprachen wir – nicht ganz uneigennützig –, wiederzukommen, zum antifaschistischen Camping und Jugendtreffen in Lärz vielleicht noch in diesem Jahr oder einfach im nächsten, ins AJZ, zur benachbarten Fusion. Weil’s schön ist. Weil’s wichtig ist. Weil’s verdammt gute Leute sind. Geht doch alle nach Berlin, möchte man der Jungend hinterherrufen, aber sorgt dafür, dass solche Oasen weiterblühen. Danke für einen der schönsten Sommertage in diesem Jahr. Wir verneigen uns.

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