2. Mai 2010 – St. Pauli

Als alte Hannoveraner zittern wir ja derzeit noch um die erste Liga mit Hannover 96. Doch seit Egge erst nach Altona und nun in den neuen Szenestadtsteil Hohenfelde gezogen ist (gleich hinter St. Georg), schlägt unser Herz immer heftiger für den FC St. Pauli. Warum? Weil St. Pauli viel mehr ist als ein Verein, der sich offen gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie einsetzt. Immer wenn’s passt werden die Spieler durch den Stadtteil geführt, um zu sehen, für wen sie denn da eigentlich hinter dem Ball her rennen.

St. Pauli ist trotz der vielen Touristen und Feiererbesucher noch immer einer der ärmsten Stadtteile Hamburgs. Geht man mal nachmittags durch die einzelnen Straßen begegnen einem sehr oft Menschen, die sich keine durchsoffenen Nächte aufm Hamburger Berg oder an der Reeperbahn leisten können. Viele der Bewohner kämpfen um die monatliche Miete, um Essen für die Familie, ums tägliche Überleben. Ein wenig Abwechslung ist da tatsächlich der Fußball. Den kann man nämlich nicht nur spielen, sondern auch bejubeln, mit vielen Gleichgesinnten zusammen. In der Fankurve oder vor dem Fernseher in der Eckkneipe ist die Herkunft egal und auch der soziale Status. Die Bewohner identifizieren sich mit ihrem Verein, er spielt für sie und ihren Stadtteil. Und wenn der Saint Pauli es den großen zeigt, tut er es auch ein wenig für sie, die Fans.

Gestern ist Saint Pauli vorzeitig aufgestiegen. Schon kurz nach Spielende fuhren wir zur Reeperbahn, sahen erste „Saint Pauli“-Gröljugendliche mit riesigen Fahnen. Vor dem Jolly Roger standen mindestens 200 Leute und bejubelten einen Fan, der in 15 Meter Höhe am Fensterrahmen balancierte, um eine Paulifahne aufzuhängen. An der Feldstraße flogen Böller der Freude, am Knust lagen sich fast 2000 Tausend Menschen in den Armen und im Feldstern gab’s Sekt, wo eine Nacht zuvor noch Wasserwerfer fuhren. Der 1. Mai hatte die Polizei überrascht, es gab ne Menge Scherben am Schlump und später auch am Schulterblatt. Davon war am Sonntag nicht mehr viel zu spüren. Man feierte: den Aufstieg, die baldigen 100 Jahre Saint Pauli, sich selbst. Die MOPO titelt: „Wir sind zurück“. Ein Tag der Underdogs.
Auf dem Heimweg stieg an der Reeperbahn ein sichtlich abgewrackter Kollege ein. In der Hand ein Bier lächelte er und fragte in die Runde: „Ist hier noch ein Platz frei für einen Erstligisten?“ Ein anderer Mitfahrer lächelte auch, zeigte auf einen leeren Platz neben sich und der Paulianer setzte sich stolz.

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