27. März 2010 – Deutschland – Ein ICE-Abteil

Aus der Not heraus fahren wir zu den meisten Konzerten mit dem Zug. Wir haben früher immer gewitzelt, wir sollten Veranstaltern uns deshalb auch als Ökoband anbieten. Aber bei dem Strom, den wir jedes Mal auf der Bühne verbrauchen, würde uns das sowieso keiner abnehmen. Inzwischen können wir uns die Reisen von Auftritt zu Auftritt gar nicht mehr anders vorstellen: Am liebsten fahren wir natürlich ICE, ohne plärrende Wehrdienstleistende, die sich gegenseitig erzählen, welcher Spieß welchem Spacken wegen Trunkenheit die Spinte putzen ließ. Dafür freuen wir uns jedes Mal, wenn Schorsch Kamerun an uns vorbeigeht. Irgendwann trauen wir uns auch mal, ihn auf eine Apfelschorle im Bortbistro einzuladen.

Gerade weil wir mit den Tickets immer sehr günstig wegkommen, hatten wir es am Anfang leichter, Veranstalter davon zu überzeugen, uns doch einzuladen. Keine Ahnung, wie das eine Band mit Standardrockequipment wie Schlagzeug, Bass, Gitarre macht und erst recht nicht, wie Skabands das schaffen. Musik live zu spielen bleibt für die meisten jungen Bands eine defizitäre Freizeitnummer. Fast alle unsere Freunde, die noch in „richtigen“ Bands spielen zahlen drauf wenn sie live spielen.

Es scheint, als würde die musikalische Landschaft Deutschlands die gesellschaftliche Entwicklung der kommenden Jahre vorweg nehmen: Während es immer weniger Gruppen gibt, die von ihrer Musik leben können und diese schon teils unverschämte Eintrittspreise verlangen und mit ihrem Merchandise (Warum gibt’s eigentlich noch keinen Blog für häßliche Bandshirts?) diverse Verbrechen an Umwelt und guten Geschmack begehen, gibt es auch immer mehr von den kleinen Lokalhelden. Diese schaffen es selten, rauszukommen aus ihrer Stadt, ihrem Freundeskreis, dem Keis ihrer drölf Mitglieder der Facebook-Gruppe, und werden Musik nur immer als Hobby betrachten dürfen. Auch wenn das Talent, die Lieder und die Show mehr hergegeben hätten – ohne Bus von Mama und Papa läuft da gar nichts. Brazilification wird so etwas in der Soziologie genannt – eine Gesellschaft ohne Mittelschicht. Ein Glück, dass wir das gerade so umschiffen können. Da bleibt auch mal genug Geld für eine Pizza im Bordbistro – wenn die nicht immer „zufällig“ ausverkauft wären.

Demnächst erzählen wir, was wir mit den ganzen gesammelten BahnCard-Punkten machen und ob es in den Lounges auch so aussieht wie bei „Up In The Air“.

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